Deine Rede sei alles, nur nicht ja, ja oder nein, nein

 

Wenn Sie – rein theoretisch – von Ihrer Frau dabei erwischt werden, wie sie gerade mit einer Blondine im Arm aus einem Hotelzimmer kommen, die Haare verwuschelt und der Hosenladen offen, und wenn Ihnen dann – rein hypothetisch – Ihre Frau die Frage stellt, was sie denn dort getrieben hätten – wüssten Sie eine Antwort? Nein? Dann haben Sie sich wahrscheinlich zu wenig mit Politik befasst.

Denn von Politikern kann man am besten lernen, wie man sich in unangenehmen Situationen sprachlich aus der Affäre zieht. Gerade heute bietet das Schweizer Fernsehen dankenswerterweise einen Intensivkurs in dieser Technik an, als echten public service. Sie sollten die entsprechenden Lernmodule – sie stehen unter dem diskreten Titel «Interviews mit Wahlverlierern» im Programm – auf keinen Fall verpassen. Sehen Sie sich diese Sendungen unbedingt an, oder, noch besser, zeichnen Sie sie auf und studieren Sie die Feinheiten der Methode in aller Ruhe. Sie werden sie im täglichen Leben oft brauchen können.

Wenn zum Beispiel Ihr süßer kleiner Pudel sein Häufchen im Vorgarten nebenan gemacht hat, und Sie sind noch nicht dazu gekommen, seine Verdauungsprodukte zu entsorgen, dann entschärfen Sie die Schimpfkanonade Ihres Nachbars am besten gemäss der Grundlektion, die alle Politiker schon am ersten Tag ihrer Ausbildung zum Weltenlenker eingetrichtert bekommen: Was immer der andere auch kritisiert, nicht darauf eingehen, sondern immer erbarmungslos das Positive betonen! Reden Sie also über Ihre Tierliebe, über Ihren Respekt vor der animalischen Kreatur und von unserer Verpflichtung, die Lebensfreude unserer vierbeinigen Freude nicht durch engherzige Vorschriften einzuengen. Das schafft zwar den Scheisshaufen nicht aus der Welt, aber Sie haben eine gute Chance, dass ihr Nachbar irgendwann aufgibt und selber zu Plastiktüte und Schäufelchen greift. Ich habe die meisterhafte Verwendung dieser Taktik schon bei manchem abgewählten Politiker bewundert, der nach den Gründen für seine Niederlage befragt, drei Minuten lang über die guten Absichten gelabert hat, mit denen er angetreten sei.

Das mit den Minuten ist zugegeben ein Problem bei der Anwendung politischer Methoden auf das Alltagsleben. Wer als gescheiterter Kandidat von einem Fernsehreporter interviewt wird, kann sich darauf verlassen, dass man ihm in der Wahlsendung auf keinen Fall mehr als eine Minute für seine Antwort zugestehen wird, in der Regel sind es noch viel weniger als sechzig Sekunden. Wenn es ihm also gelingt, sich über diesen kurzen Zeitraum hinwegzusalbadern, ist er fein raus. Im Privatleben, das ist der kleine Haken an der Sache, können Sie sich nicht sicher sein, dass Ihr Gegenüber nach einer Minute seine Kamera ausschalten und sich jemand anderem zuwenden wird.

Aber sonst sind die Antwortvermeidungstaktiken der classe politique wunderbar auf den Alltag zu übertragen. Zum Beispiel die «Danke, danke, danke-Methode», deren Grundprinzip darin besteht, die vom Reporter geforderte Antwort durch eine Danksagung zu ersetzen, an die Wähler, die Partei, das Wahlkampfteam, die Familie, die nette Frau, die im Büro immer Kaffee kocht, und, und, und. Man kann das gar nicht früh genug lernen und sollte es auch schon seinen Kindern beibringen. Damit die dann, wenn ihre Lehrerin danach fragt, warum sie ihre Aufgaben nicht gemacht haben, antworten können: «Bevor ich auf Ihre Frage antworte, möchte ich mich bei meinen Eltern bedanken, die mich jeden Morgen rechtzeitig wecken, beim Fahrer des Trams, mit dem ich zur Schule gekommen bin, und beim Bäcker gegenüber, der in der großen Pause immer diese feinen Rosinenbrötchen verkauft.» Und so weiter, und so weiter. Mit etwas Glück quittiert die Lehrerin irgendwann entnervt den Schuldienst, und Ihr Sprössling muss nie zugeben, dass er die Aufgaben einfach verpennt hat.

Ganz wichtig, und auch das werden Sie heute wieder in vielen Politikerantworten studieren können: Zwischenfragen einfach überhören und ohne Punkt und Komma weiterreden. Es gibt keine bessere Methode, um sicherzustellen, dassSiedaswaszuzugebenIhnenpeinlichwäreniesagenmüssen.

Zur hohen Schule der Antwortvermeidung gehört noch eine weitere Technik, die allerdings ein bisschen Vorbereitung und Übung verlangt. Um für alle möglichen Kontroversen gewappnet zu sein, sollten sie immer einen pfannenfertigen Text bereit haben, auf den sie bei jedem angesprochenen Thema zurückgreifen können. Er sollte möglichst schwammig und nichtssagend sein, damit er sich in jedem Zusammenhang verwenden lässt, aber auch ein paar wohlklingende Floskeln enthalten, wie sie jede bessere Werbeagentur im Jumbopack im Angebot hat.

Wenn also Ihre Frau, um auf unser Anfangsbeispiel zurückzukommen, wissen will, was Sie in dem Hotelzimmer getrieben haben, dann schalten sie den Blabla-Automaten ein und antworten Sie: «Es ist mir ein grosses Anliegen, die Harmonie in unserer Gesellschaft zu fördern und gleichzeitig für alle Herausforderungen der Zukunft gewappnet zu sein, vor allem was die Implementierung nachhaltiger zwischenmenschlicher Beziehungen anbelangt.» (Ich weiss auch nicht, was «Implementierung» und «nachhaltig» in diesem Satz zu suchen haben, aber ich habe beobachtet, dass fast alle Politiker solche Klischeeformulierungen verwenden.)

Sie sehen: Die Vorbildfunktion, die so viele Politiker für sich in Anspruch nehmen, ist durchaus gerechtfertigt. Also verpassen Sie heute nicht die Gelegenheit, am Fernsehen von den wahren Meistern zu lernen.

Erschienen in der NZZ am Sonntag vom 20.10.2019

 

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