Die Dummheiten der anderen

 

Ich habe einen Freund, der schließt aus der Tatsache meiner SP-Mitgliedschaft, dass ich an jedem Morgen noch vor dem Zähneputzen mit der Planung der Welt­revolution beginne und mich jeden Abend mit der Lektüre des Kommunistischen Manifests in den Schlaf lese. Und dabei gehöre ich doch, was den Marxismus anbelangt, eher zur Fraktion Groucho. Dieser Freund – ich weigere mich, ihn zum blossen Bekannten zu degradieren, nur weil unsere politischen Ansichten jeden Tag ein bisschen weiter auseinanderdriften – hält Donald Trump für einen großen Denker. Für ein politisches Naturtalent. Für das einzige Bollwerk gegen den drohenden Untergang des Abendlands. Wobei er gegen diesen Untergang nichts hätte, vor­ausgesetzt er beträfe nur die linke Hälfte des politischen Spektrums.

Wir diskutieren miteinander schon lang nicht mehr über Politik; es gibt Gräben, die sind so tief, dass man sich über sie hinweg nur schreiend verständigen könnte, und Geschrei war noch nie ein sinnvolles Transportmittel für Argumente. Aber wir hänseln uns gern, indem wir dem andern Zeitungs- oder Internetartikel zumailen, von denen wir annehmen, dass er sie freiwillig nie zur Kenntnis nehmen würde. Seine stammen aus Breitbart oder Spiked-Online und meine aus so linksextremen Publikationen wie der New York Times oder dem Spiegel. (Die er nicht liest, weil sie ja doch nur Fake News verbreiten.)

Besonders gern schicken wir uns gegenseitig Meldungen über irgendwelche offensichtlichen Dummheiten, die von Vertretern der jeweils anderen Weltanschauung begangen wurden, und wenn es einen Knopf gäbe, mit dem man einer Mail ein hämisches Kichern anfügen könnte, wir würden ihn beide jedes Mal benutzen.

Es ist nicht schwer, immer neue Meldungen dieser Art zu finden, denn nichts schreiben Journalisten lieber voneinander ab, als solche Geschichtchen mit eingebauter Pointe. Und die Politiker jeglicher Couleur sorgen ja auch fleissig für Nachschub. Im Anstellen und Verkünden von Dummheiten sind sie zwar anderen Menschen nicht über­legen, aber wegen ihrer Prominenz haben sie es schwerer, den Quatsch, den sie gerade produziert haben, aus dem Licht der Öffentlichkeit herauszuhalten. Wenn also an irgendeiner Universität ein übereifriger Vertreter der Political Correctness beschliesst, man dürfe Studenten der amerikanischen Literatur die Lektüre von Moby Dick nicht zumuten, wenn nicht ein Kleber auf dem Umschlag davor warne, der Inhalt könne die Gefühle von Tierfreunden verletzen – zack, schon teilt mir mein Computer mit, ich habe Post bekommen. Oder wenn Donald Trump in einem Tweet von seinem Besuch beim Prince of Whales berichtet, weil er es mit dem Orthogravieh nicht so hat – wumm, schon schreibe ich meinerseits eine Mail. Ich nehme an, es wird bei meinem Freund nicht anders sein: Das Anklicken des Send-Befehls vermittelt einem jedes Mal das Gefühl eines kleinen geschenkten Triumphs.

Und es ist jedes Mal völlig sinnlos.

Weil diese Art der Spiegel– oder Breitbart-Fechterei die Debatte nämlich keinen Millimeter voranbringt. Wenn wir ehrlich sind: Die Tatsache, dass jemand, der nicht meiner Meinung ist, Blödsinn verzapft, macht meine eigenen Überzeugungen kein bisschen zwingender. Der Unsinn, den ein anderer produziert, macht meine eigene Weltanschauung nicht richtiger. Fremde Irrtümer machen uns selber nicht gescheiter. Sie vermitteln uns nur ein trügerisches Gefühl von Überlegenheit.

Und sie unterstellen dem Gesprächs- oder Mailpartner, dass er automatisch jede noch so extreme Aussage unterschreibe, die jemand auf seiner Seite des großen Grabens gemacht hat. Sie stellt ihn in eine Ecke, obwohl seine Position vielleicht ein paar Schritte daneben ist. Wir nehmen ihm – und uns selber – die Möglichkeit, differenzierter zu argumentieren. Um der schnellen Pointe willen verzichten wir auf die Möglichkeit, ihn bei aller grundsätzlichen Meinungsverschiedenheit vielleicht in dem einen oder anderen Punkt zu überzeugen,

Ich habe mir darum vorgenommen, dieses Spiel nicht mehr mitzuspielen. Wenn ein Politiker, den ich nicht mag, sich mal wieder lächerlich gemacht hat, werde ich mir das Weiterleiten der entsprechenden Nachricht verkneifen und nur still hoffen, dass mein Freund auch selber auf sie stösst. Ich werde nur noch sachlich, inhaltsbezogen und ohne persönliche Angriffe auf die immer gleichen Watschenmänner argumentieren, Ich werde…

Ich befürchte: Ich werde es nicht schaffen, diesen guten Vorsatz auch wirklich in die Tat umzusetzen. Mit «mehr Sport treiben und zehn Kilo abnehmen» ist es mir ja auch nicht gelungen. Die Versuchung, einen so billigen Treffer zu landen ist noch grösser als jeder Eisbecher mit Schlagrahm und Maraschino-Kirsche.

Es ist halt so furchtbar verlockend, politische Debatten mit solchen Nebensächlichkeiten zu führen. Die Beschränkung auf das Anekdotische erspart einem die Mühe einer stringenten Argumentation. Und indem wir uns auf die Dummheit der anderen Seite konzentrieren, können wir uns im wohligen Fehlschluss suhlen, wie klug wir doch selber seien.

Haben Sie übrigens gelesen, was Donald Trump gerade wieder…?

Erschienen in der NZZ am Sonntag vom 14.Juli 2019

 

Glossen