Die Sache mit der Zauberformel.

 

Im untersten Keller von Hogwarts, in einem fensterlosen, feuchten Raum, den man nur den Schacht erreicht, den auch die magischen Meerschweinchen benutzen, arbeitet im Labor, dort wo die Grundstoffe für die Zaubertränke vorbereitet werden, ein bescheidener Assistent namens Harry Potter. Er war einmal ein vielversprechender Student gewesen, aber bei der alles entscheidenden mündlichen Abschlussprüfung hatte er versagt. Total versagt.

Die Prüfung hatte damals ein Gastprofessor aus der Schweiz abgenommen – sorry, ich kann Ihnen den Namen nicht sagen, he who must not be named, Sie wissen schon – und er hatte dem Kandidaten Potter nur eine einzige Frage gestellt: „Erklären Sie mir die Zauberformel!“

„Welche?“, hatte Harry Potter gefragt, denn schließlich kannte er jede Menge Zaubersprüche..

„DIE Zauberformel!“ Im Hintergrund waren Glockengeläut und ein Jodlerchor zu hören, und es roch ein ganz kleines bisschen nach Kuhmist. „Die Formel aller Formeln, die alles erklärt und alle Probleme löst. Zumindest in der Schweiz.“

Auf Harry Potters Stirne leuchtete seine Blitznarbe auf, wie immer, wenn er nachdachte, aber es wollte ihm keine Antwort einfallen, und so fragte er ganz bescheiden: „Wenn Sie mir vielleicht einen Tipp geben könnten…?“

„Salve vir primus, salve vir primus“, rezitierte der Experte, und der Geruch nach Kuhmist wurde immer stärker, „salutantur partes, salutantur partes, fortiter democratiam perseverare, fortiter democratiam perseverare cum viribus posterioribus. Oder in der Abkürzung zum Merken: Zweimal SVP, zweimal SP, zweimal FDP und einmal CVP.“

Harry Potter hatte schon immer ein gutes Gedächtnis gehabt, und so wieder­holte er, um Zeit zu gewinnen: „Natürlich, ist ja klar. Zweimal SVP, zweimal SP, zweimal FDP und einmal CVP.“

„Falsch!“, donnerte der Magier aus der Schweiz. „Das war die Formel vor den Wahlen. Ich will aber die nach den Wahlen wissen.“

Harry Potter hatte immer noch keine Ahnung, und deshalb tat er das, was nicht nur Zauberschüler in schwierigen Prüfungen tun: Er redete um das Thema herum. „Ist ja klar“, sagte er, „nach den Wahlen sieht die Formel natürlich ganz anders aus.“

„Wieder falsch“, sagte der Experte. „Nach den Wahlen ist sie genau gleich wie vorher. Oder doch anders. Oder doch nicht. Und wovon hängt das ab?“

„Äh…“, sagte Harry Potter.

„Natürlich davon, ob die Cassisbeere am Strauch hängen bleibt. Der grosse Zauberer Blocherius vom herrlichen Berge meinte das auch. Oder vielleicht davon, ob zwei plus zwei plus zwei plus eins auch weiterhin sieben ergeben.“

„Was denn sonst?“

„Der rote Levratius hat die These aufgestellt, das Resultat könnte auch neun sein.“

„Aber das geht doch nicht auf!“

„Das einzige, was in unserm Land immer aufgeht, ist die Sonne“, sagte der Experte aus der Schweiz, und jetzt war der Jodelchor ganz deutlich zu hören. „Ein sehr guter Student scheinst du ja nicht zu sein, aber ich will Dir eine allerletzte Chance geben.“ Er holte ein Pergament mit zwei Siegeln aus der Luft und legte es vor Harry Potter auf den Prüfungstisch: „Hier habe ich die Zauberformel. Die Aufgabe, mit der du diese Prüfung doch noch bestehen kannst, ist ganz einfach: Zaubere sie grüner, ohne sie zu verändern!“

Mit Farbmagie kannte sich Harry Potter aus, an einem Schulfest hatte er ein­mal mit kolorierten Ratten im Regenbogen-Design einen grossen Erfolg gefeiert. Er murmelte also eine Beschwörung und noch eine und schwang seinen Zauber­stab in immer wilderen Kurven. Aber die Zauberformel aus den Alpen wollte einfach nicht grün werden. Nur der Jodelchor wurde immer lauter, und jetzt konnte man auch verstehen, was die körperlosen Stimmen sangen: „Villicht in vier Jahr, aber au das isch nöd klar.“ Aber Schweizerdeutsch hatte man ihm in Hogwarts nicht beigebracht.

Ja, so fiel Harry Potter durch die entscheidende Prüfung, und es wurde nie ein richtiger Magier aus ihm. Denn die Schweizer Zauberformel kann niemand erklären, weil sie die einzige Zauberformel ist, die nie, nie etwas verändert.

Erschienen in der NZZ am Sonntag vom 17. November 2019

 

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