Es unwahr einmal

 

«Als der Innerschweizer Bergbauer Johann Jakob Häberli nach der Schlacht bei Grandson mit Beute beladen in sein heimisches Dorf zurückkehrte, da war unter den Trophäen, die er auf dem Feld der Ehre erbeutet hatte – in Grandson das Gut –, auch ein kostbares seidenes Wams. Er hatte es einem burgundischen Adligen ausgezogen, nachdem er dem mit dem Morgenstern den Schädel eingeschlagen hatte. Eigentlich hatte er das Wams seiner Frau schenken wollen, die hatte geschickte Hände und konnte sich bestimmt einen Sonntagsrock daraus schneidern. Aber leider war das Wams voller Blut, echtes blaublütiges Burgunderblut, aber es hatte trotzdem hässliche braune Flecken hinterlassen. Der Johann Jakob wollte das Wams schon zum Putzen des Geissenstalls verwenden, als seine Gattin ihn im letzten Moment zurückhielt. Denn Frau Häberli war nicht nur geschickt, sondern auch klug, und so sagte sie zu ihm: «In meiner Familie wird schon lang ein Waschmittelrezept vererbt, immer von der Mutter auf die Tochter, und dieses Waschmittel entfernt auch die hartnäckigsten Flecken.» Und tatsächlich, beim nächsten Kirchgang trug sie zum Neid der anderen Dorfbewohnerinnen ein Kleid aus kostbarster Seide, und nirgends war darauf auch nur das kleinste Flecklein zu sehen.

In anspruchsvollen Fachgeschäften können Sie dieses Waschmittel heute noch kaufen, seit mehr als fünfhundert Jahren nach alter Mütter Sitte und unverändertem Rezept hergestellt. Gesine Häberlis Burgundertropfen – auch für empfindliche Textilien!»

Obwohl dieser Werbetext natürlich totaler Unsinn ist, würde es mich nicht wundern, ihn irgendwann in einer Anzeige zu lesen oder – noch schlimmer – in einem Fernsehspot vorgespielt zu bekommen. Werber lieben es nun mal, uns Geschichten zu erzählen, und sie scheinen diese Form der Publikumsver­arschung mit jedem Jahr mehr zu lieben. Sie tun das aber, nicht weil sie alle ein Brüder-Grimm-Gen haben, sondern weil sie hoffen, ihrer langweiligen Massenware mit einer kunstvoll erfundenen Story jenen besonderen Charakter zu verleihen, der den Kunden dazu bringt, aus dem überfüllten Ladenregal gerade diese Packung und keine andere herauszufischen. «Schon Königin Victoria rasierte sich prinzipiell nur mit dieser Klinge, long live the queen!»

Manchmal haben die Märchen, die uns da erzählt werden, historischen Charakter und führen uns zum Beispiel vor, wie Noah darauf bestand, dass auf seiner Arche nur dieses Tierfutter und kein anderes verwendet wurde. Manchmal schildern sie uns auch die Herstellungsweise des Produktes oder seine positive Wirkung im stressigen Alltag. Man führt uns weissbemützte Konditoren vor, die in liebevoller Hand­arbeit Praline um Praline mit einer köstlichen Füllung ver­sehen, ohne dass die Maschinen, aus der die Kalorienbomben in Wirklichkeit im Sekundentakt herausploppen, jemals im Bild erscheinen. Oder man zeigt uns, wie man einen ewig stänkernde Nachbarn versöhnt, nämlich indem ihm die Lausbuben, deren Ball in seinem Blumenbeet gelandet ist, eines ihrer ach so köstlichen – und selbstver­ständ­lich zahnschonenden – Zucker­zältli anbieten.
(Bei der Auswahl werbewirksamer Kinder scheint übrigens eine strenge Regel zu gelten, vielleicht von irgendeinem Werber-Fachverband vorge­schrieben. Wenn sie zu mehreren auftreten, muss immer eines eine Brille tragen und den frühreifen Mini-Intellektuellen markieren, während alle andern so unausstehlich herzig zu sein haben, dass sie auf dem Schulhof bestimmt jeden Tag in der grossen Pause verprügelt werden. Aber das nur nebenbei.)

Dann gibt es auch noch die besonders märchenhaften Märchen, in denen der Nikolaus schon im Oktober in einem lichtergeschmückten Lastwagen am Nordpol losfährt, um sein farbiges Zuckerwasser rechtzeitig zum Fest in die Läden zu bringen, oder in denen glückliche Hühner ihre wertvollen Eier aus rein biologischer Freilandhaltung persönlich in der Lebensmittelabteilung abliefern.

Bei all den Geschichten, die uns da tagtäglich um die Ohren und um die Augen gehauen werden, sehnt man sich manchmal in eine Zeit zurück, in der Werbebotschaften noch einfacher gestrickt waren, und es als Höhepunkt der Kreativität galt, wenn sie sich hinten reimten. „Jede Haus­frau weiss, wenn Fett und Öl, dann Sais“ – das war einmal. Heute müssten wir uns beim selben Produkt wahrscheinlich erbarmungslos ansehen, wie italienische Nonnas mit bildwirksam zerfurchten Gesichtern jede Olive einzeln streicheln, bevor sie in die Presse kommt.

Warum funktionieren Geschichten eigentlich so gut als Werbeträger? Im Zeitalter von Fake News und realitätsfernen Reality Shows muss man sich diese Frage eigentlich gar nicht mehr stellen. Je mehr man uns mit Informationen überflutet, desto dankbarer flüchten wir uns in eine Gegenwelt, in der ein Traumschiff-Kapitän jedes Mal eine Ansprache hält, bevor die mit Wunder­kerzen geschmückten Eisbomben hereingetragen werden, und in der die Karda­shians nicht nur deshalb prominent sind, weil sie eben prominent sind.

Und weil es doch so schön wäre, wenn das Waschmittel von Gesine Häberli tatsächlich jeden Fleck entfernen würde. Porentief, natürlich.

Erschienen in der NZZ am Sonntag vom 24.8.2019

 

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