Das Problem der alten Säcke

 

Wenn es so kommt, wie es im Moment aussieht, wird im nächsten Jahr ein Stimmzettel vor mir liegen, mit dem über die Länge eines Vaterschaftsurlaubs entschieden werden soll. Und es wird nicht das erste Mal sein, dass ich zu mir selber sage: «Halt du dich da raus, alter Sack!» Weil mich die Auswirkungen eines solchen Entscheids nämlich nicht persönlich betreffen werden. Als Mitsiebziger werde ich nicht mehr in die Lage kommen, mich über einen längeren Vaterschaftsurlaub zu freuen oder mich über einen kürzeren zu ärgern, und selbst für meinen Sohn wird das Abstimmungsergebnis keine direkten Folgen mehr haben. Aber er ist immerhin näher am Thema dran, und kann sich exakter als ich erinnern, mit welchen Problemen er sich als neugeborener Vater herumgeschlagen hat. Was den persönlichen Bezug anbelangt, würde ich die Entscheidung also für meine Enkel treffen, und die lassen sich schon jetzt, mit zwei und sechs Jahren, nicht gern von ihrem Grossvater reinreden.

Und auch meine eigene Erfahrung, ohnehin verklärt durch die Erinnerung an die zwei niedlichsten Kinder, die die Welt je gesehen hat, kann kein zuverlässiger Ratgeber für die Probleme sein, die sich der jetzigen Elterngeneration stellen. Schliesslich ist das alles bald ein halbes Jahrhundert her, und mir scheint, dass die Zeit von damals mit der von heute nicht mehr viel gemeinsam hat.

Aber hat man uns nicht im Lateinunterricht beigebracht, in allen politischen Fragen gelte die Regel «Tua res agitur»?

Meine Sache? Nein, wirklich nicht.

Warum also, frage ich mich, ist meine Meinung zu diesem Thema trotzdem gefragt? Nicht nur meine, sondern die aller Senioren, auch wenn wir uns nur noch mit Mühe daran erinnern können, wie es sich anfühlt, um zwei Uhr früh einen Schoppen zu wärmen, oder eine Nacht lang einen schreienden Säugling durch die Wohnung zu tragen. Woher nehmen wir also das Recht, uns in fremde Probleme einzumischen?

Die Frage stellt sich so oder ähnlich bei vielen Themen, aber ganz besonders bei solchen, von denen nicht alle Generationen gleich betroffen sind. Erhöhung des AHV-Alters? Mir kann das egal sein, ich bin ohnehin weit drüber. Neufinanzierung der Rentenkassen? Meine Interessen als Bezüger sind logischer Weise ganz andere als die der aktiven Beitragszahler. Mass­nahmen gegen den Klimawandel? Ein Blick auf die Statistik versichert mir, dass ich längst gemütlich im Grab liegen werde, wenn am Nordpol die ersten Bananen wachsen. Ich kann die Teilnehmer der «Fridays for future»-Bewegung verstehen, wenn sie kein Vertrauen in die Urteilskraft meiner Generation haben.

Soll ich also, frage ich mich, bei all diesen Themen das Maul halten, und den betreffenden Stimmzettel im Altpapier entsorgen oder leer einlegen? Könnte das mein persönlicher bescheidener Beitrag dazu sein, dass die kopfstehende Bevölkerungspyramide in unserem Land nicht zu einer Gerontokratie führt, in der die wachsende Mehrheit der Alten an den Bedürfnissen der Jungen vorbeientscheidet?

…Einerseits schon. Aber andererseits…

…Wenn man ein bisschen weiter nachdenkt, stellt man fest: So einfach ist das Problem nicht aus der Welt zu schaffen. Dass das Altersheim nicht in die Kinderkrippe hereinregieren soll, das leuchtet noch einigermassen ein. Aber wo zieht man die Grenze? An welchem Geburtstag müsste die Altersguillotine niedersausen? Oder sollte man generell bei jedem Abstimmungsthema die Bevölkerungsgruppe definieren, die sich bei der entsprechenden Entscheidung gefälligst rauszuhalten hat? Und gibt es auf der anderen Seite nicht auch noch die Altersweisheit, die gesammelte Erfahrung eines ganzen Lebens? Hat die nicht auch etwas Sinnvolles zu solchen Entscheidungsprozessen beizutragen? Könnten wir grau- und weißhaarigen Stimmbürger nicht so etwas wie die génération de réflexion sein?

Das schon erwähnte Horaz-Zitat ist nach den drei oft zitierten Worten nicht zu Ende, sondern lautet in voller Länge: «Tua res agitur, paries cum proximus ardet» – «Es geht um deine Sache, wenn das Haus des Nachbarn brennt.» Bedeutet das nicht, dass jedes Thema, das in der eidgenössischen Politik diskutiert wird, auch meine Sache ist? Selbst wenn es um Gesetze geht, deren Inkrafttreten ich nicht mehr erleben werde?

Ich glaube, ich habe noch nie einen Artikel mit so vielen Fragezeichen geschrieben. Weil ich in diesem Fall wirklich nicht weiss, was richtig ist – mitmachen oder machen lassen. Aufs Spielfeld oder an die Seitenlinie? Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust.

Man beschliesst solche Beiträge gern mit einem flammenden Aufruf zur Tat, aber bei diesem konkreten Problem habe ich nicht mehr anzubieten als Fragen. Und die bescheidene Aufforderung, bei Themen, die die eigene Generation nicht tangieren, besonders gründlich nachzudenken und sich nicht auf die eigenen Vorurteile zu verlassen, auch wenn die so bequem in ihren ausgefahrenen Spuren laufen.

Nein, wenn an der Urne über den Vaterschaftsurlaub abgestimmt werden sollte, wird mein Stimmzettel nicht automatisch im Altpapier landen. Ich werde ihn aus dem Kuvert holen, den Kugelschreiber in die Hand nehmen – und zögern. Wahrscheinlich werde ich lange zögern, bevor ich mich für etwas entscheide. Hoffentlich zögern wir alle. Vielleicht liegt ja gerade darin die Weisheit des Alters.

Erschienen in der NZZ am Sonntag am 29.September 2019

 

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