Klagelied eines fliegenden Lesers

 

Okay, zugegeben, ich bin nicht von adonishafter Schlankheit. Im Bereich meiner Gürtellinie wölbt sich tatsächlich etwas, das unfreundliche Menschen gern als Bauch bezeichnen. Und um gleich noch ein Geständnis abzulegen: Ja, ich lese gern. Bei jeder Gelegenheit und in jeder Umgebung. Sogar – zu meiner Schande gestehe ich auch dies –, ja, sogar im Flugzeug. Oder genauer gesagt: Ich würde gern im Flugzeug lesen, wenn mir die Swiss das erlaubte. Aber sie hat etwas dagegen.

Es ist nämlich so, dass ich ein altmodischer Sack bin, ein lektüretechnisches Fossil, und deshalb auf Reisen gern ein Buch mitnehme. Der eine oder andere Leser dieser Zeilen wird sich vielleicht noch daran erinnern, um was es sich bei diesem rettungslos veralteten Gerät handelt: Um diesen elektronikfreien Vor­gänger des Kindle, dieses Ding aus Papier, bei dem man die Seiten mecha­nisch umblättern muss.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich hatte keinen großformatigen Folianten in meinen Rucksack gepackt. Keinen Atlas und keinen dieser Mammut-Schmöker, wie sie der Taschen-Verlag gern herausbringt. Ein ganz gewöhn­liches Taschenbuch hatte ich mitgenommen. Und hätte es gern während des Fluges gelesen, wenn nicht…

Fangen wir am Anfang an. Im Zusammenhang mit Flugreisen gibt es so viele Vorschriften, dass ihre Zahl im letzten Jahrhundert noch zur Verwaltung eines mittleren Kleinstaats ausgereicht hätte. Allein schon die Liste der Dinge, die man nicht im Handgepäck mitführen darf, scheint täglich länger zu werden. Ich habe zwar nie ganz verstanden, warum eine halbvolle Flasche Mineralwasser die Flugsicherheit so dramatisch gefährdet, aber es wird schon so sein. Ich habe auch Verständnis für all die Ansagen, die vor dem Start aus Lautsprechern dröhnen müssen. Und bin tief beeindruckt, wenn ich lese, dass die beiden Piloten auf Langstreckenflügen nie dasselbe Essen serviert bekommen, damit im Falle eines Falles nur einer von ihnen wegen Lebensmittelvergiftung ausfällt. Ja, ich bin dankbar für all die Vorsichtsmassnahmen, die von den Fluggesell­schaften und den Sicherheitsbehörden zu meinem Wohl getroffen wurden. Nur eben: Eine Vorschrift haben sie alle vergessen. Und dabei würde sie mein Wohlbefinden als Passagier gewaltig steigern.

Und so müsste diese Vorschrift lauten: «Zwischen dem Bauch des Passagiers und der Rücklehne seines Vordermannes muss genügend Platz für ein Buch sein.» Zumindest für ein Taschenbuch. Für ein winzig kleines Taschenbuch, bitte, bitte, bitte. Man könnte das Ganze die «Buch-Bauch-Regel» nennen, und Fluggesellschaften, die eine besser bezahlende Kundschaft anstreben, könnten damit werben, dass bei ihnen – Luxus über Luxus! –sogar ein Hardcover Platz habe.

Aber noch gibt es diese Regel nicht. Und als mein Vordermann beschloss, zwischen Berlin und Zürich dringend ein Schläfchen machen zu müssen und deshalb seinen Sitz nach hinten stellte, war auch der Platz für ein Taschenbuch verschwunden. Mein eigener Fehler natürlich. Ich hätte eines dieser Mini-Bilderbücher einpacken sollen, in denen sich mein zweijähriger Enkel mit solcher Begeisterung auf die Suche nach Katzen und Papageien macht. Auch wenn das mit Lektüre im eigentlichen Sinn wenig zu tun hat.

Vielleicht, ich will das nicht ausschliessen, versteckt sich in den Beförderungs­bedingungen ja ein kleingedruckter Paragraf, der das Lesen im Flugzeug nur Passagieren mit konkaver Körperform erlaubt, mit einer im Fitnessstudio antrainierten Höhlung anstelle des Bauches, in die sich ein Buch einschieben lässt, wenn den Vordermann ein dringendes Schlafbedürfnis überfällt. Vielleicht steht da: «Konvexe Reisende sollen dankbar sein, dass wir sie überhaupt mitnehmen.» Vielleicht stehen Bücher ja auch schon bald auf der Liste der Handgepäck-Tabus. Ein Grund dafür wird sich schon finden. Es könnte ja jemand die Tagebücher des Anarchisten Erich Mühsam mitbringen und von der Lektüre dazu ermuntert werden, den Piloten mit vorgehaltener Broschüre zu einem Abstecher nach Kuba zu zwingen.

Aber ganz ohne Ironie: Genügend Platz für ein Buch – ist das wirklich zu viel verlangt? Würde ein entsprechender Sitzabstand die Fluggesellschaften wirklich in den Konkurs treiben? Warum belagert keine Organisation namens Literacy International die Flughäfen und schwenkt Transparente mit Texten wie «Lesen ist ein Menschenrecht» oder «Fliegen ohne Bücher biegen!»? Oder ist das ganze eine Verschwörung der Hörbuchverlage?

Als sich unsere Maschine Zürich näherte, wies uns die freundliche Stimme des Piloten darauf hin, dass wir im unwahrscheinlichen Fall einer Notlandung unser Handgepäck doch bitte in der Maschine zurücklassen sollten. Wahrscheinlich meinte er damit vor allem mitgebrachte Bücher, die ja nach Meinung der Swiss ganz offensichtlich keinen praktischen Zweck erfüllen.

 

Erschienen in der «NZZ am Sonntag» vom 3. März 2019

 

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