Roman
413 Seiten
2026 Verlag Diogenes

Bei diesem Buch kann ich ohne Übertreibung sagen: Ich habe siebzig Jahre gebraucht, um die richtige Form dafür zu finden. Denn der Kern der Erzählung ist eine Geschichte, die mir meine Grossmutter erzählt hat, als ich zehn Jahre alt war.
Ein achtzigjähriger ehemaliger Filmemacher ist gezwungen, einen Psychiater aufzusuchen, weil sein Hausarzt es nicht mehr verantworten kann, seine Tablettensucht mit immer neuen Rezepten zu unterstützen. Der alte Herr muss also über sich selbst reden und manches aus seinem Leben erzählen, dass er lieber vergessen möchte. Er tut es zuerst widerwillig, und dann immer freiwilliger, denn im Psychiater hat er endlich jemanden gefunden, der ihm zuhört und ihm so die Einsamkeit des Alters vertreibt.
Auf diese Weise – jede Sitzung beim Psychiater bist ein Kapitel – erfahren wir seine ganze Lebensgeschichte, in der er nicht immer so erfolgreich war, wie er sich gern erinnern würde. Im Erzählen muss er auch eine Menge unangenehmer Wahrheiten konfrontieren.
Der alte Herr heisst übrigens Melnitz. Aber mit der Titelfigur des gleichnamigen Romans hat er nichts zu tun. In diesem Fall trifft der Titel des Buches zu: Das ist eine andere Geschichte.
Leseprobe
Sie sind Dr. Cowan?
Noch nicht mal eine Sekretärin für den Empfang? Muss ja ein toller Laden sein.
Machen Sie sich keine falschen Hoffnungen. Ich bin kein Kunde für Ihr Voodoo. Ich brauche ein Rezept, sonst nichts. Füllen Sie es aus, und ich bin wieder weg. Leicht verdientes Geld.
Mein Arzt besteht darauf.
Dr. Goldsteen. Er sagt, Sie kennen sich.
Bisher hat er mir immer verschrieben, was ich brauche. Jetzt plötzlich will er nicht mehr. Schickt mich zu Ihnen. Wahrscheinlich seid ihr alte Kumpel. Schiebt euch gegenseitig die Patienten zu.
Ich habe ihm gesagt: Was soll ich bei einem Psychiater? Aber er …
Muss der Papierkrieg wirklich sein? Ich brauche nur …
Melnitz. Curtis Melnitz.
Ich merke: Der Name sagt Ihnen nichts. Sic transit Gloria Swanson.
2. Mai 1879.
Lassen Sie die Komplimente. Natürlich sieht man mir die achtzig Jahre an. 1879 war ein schlechter Jahrgang. Das sagt Ihnen jeder Weinkenner. Wird früh sauer und bleibt es sein Leben lang.
Nein, ich habe nicht gefeiert. In meinem Alter ist ein runder Geburtstag kein Grund für Eiapopeia. Hätte ich mir eine Torte aus Kurpflaumen bestellen sollen? Das ist die Gemeinheit des Lebens: Es wird jedes Jahr beschissener, und man kann immer schlechter scheißen. Und das soll man feiern?
Kann ich jetzt mein Rezept haben?
Ich schlafe schlecht. Meistens gar nicht. Wälze mich im Bett. Stundenlang. Möchte schlafen und habe Angst davor. Wegen der Träume. Ich leide unter meinen Träumen. Ich habe schon bessere Filme gesehen.
Ich bin nicht gekommen, um mich auf Ihre Couch zu legen. Ich brauche nur das Rezept. Dieses neue Mittel. Das einzige, das hilft. Hier. Ich habe Ihnen die leere Schachtel mitgebracht. Sie brauchen den Namen nur abzuschreiben. Eine Pille täglich, sagt Dr. Goldsteen.
Na schön, manchmal nehme ich zwei.
Oder mehr.
Aber deswegen bin ich nicht süchtig. Ich bin nur alt.
Und wenn? Eine lange Abhängigkeit wird es nicht mehr werden. Man wird ja irgendwann seinen Abgang machen dürfen. Abblende und Schlusstitel.
Ob ich vom Film komme? War Hitler ein Nazi? Aber das ist lang her. Überhaupt: Warum müssen sie mir so viele Fragen stellen, bevor Sie mir mein Rezept …?
Ich verstehe. Damit Sie sagen können, Sie hätten meinen Fall ernsthaft geprüft. Weil sonst die Ärztekammer kommt, oder wie der Verein bei euch heißt. Aber wenn es Sie glücklich macht …
Die volle Nummer mit Hinlegen und allem? Muss das sein?
Nun ja.
Nicht wirklich bequem Ihre Couch. Nicht für Leute mit Rückenschmerzen. Aber was muss, das muss.
Bevor Sie mit Ihrer Nummer anfangen: Ihr Behandlungszimmer sollten Sie anders einrichten. Mit den vielen Büchern sieht es mehr nach Literaturprofessor aus. Der Zuschauer muss auf Anhieb merken, wo eine Szene spielt. Es braucht nicht viel. Ein paar Diplome an der Wand. Eine Fotografie von Siegmund Freud. Besorgt Ihnen jeder Ausstatter.
Also. Was wollen Sie wissen? Dass ich meine Mutter gehasst habe? Oder heimlich geliebt? Dass jeder Maiskolben ein Penissymbol für mich ist? Darauf läuft es bei euch doch immer hinaus.
Kritik
Die volle Nummer mit Hinlegen und Allem
Von Peter Zander
Der alte Mann will nur seine Tabletten. Weil er nachts nicht schlafen kann. Aber sein Hausarzt mag ihm keine mehr geben und hat ihn daher an einen Kollegen verwiesen. Dieser ist Therapeut und rückt sie auch nicht einfach raus. Der Patient muss schon auf die Couch. „Die volle Nummer mit Hinlegen und allem“, wie dieser schimpft. Er kriegt nach der Sitzung auch nur drei Pillen. Und muss notgedrungen immer wiederkommen, für die nächste Ration. Lange wehrt sich der Alte gegen die Gesprächstherapie. Macht sich lustig über sie. Findet dann aber doch Gefallen daran. Weil es „gegen die Alterslangeweile“ hilft. Und plaudert munter aus seinem Leben.
Das ist die Ausgangssituation in „Eine andere Geschichte“, dem neuen Roman von Charles Lewinsky, der gerade im Buchhandel erschienen ist, kurz vor seinem 80. Geburtstag am kommenden Dienstag. Eine faszinierende Lektüre. Das gilt schon rein formal, weil der Roman so erzählt wird, als seien das die Aufzeichnungen des Psychiaters. Wobei der Patient zwar auf die Nachfragen des Therapeuten reagiert, das Buch aber nur die Antworten wiedergibt. Den Rest kann sich der Leser zusammenreimen. Und so wirkt es, als erzähle der Mann die Geschichte direkt dem Leser. Eine faszinierende Lektüre ist das aber auch inhaltlich. Weil der Patient ein so charmanter wie unzuverlässiger Erzähler ist. Der tablettensüchtig ist, weil er nicht schlafen kann. Weil er Bilder im Kopf hat, die er nicht loswird. Über die er aber nicht sprechen will, schon gar nicht mit dem Seelenklempner.
Lieber führt er ihn in die Irre. Mal absichtsvoll, wenn er ihn schamlos belügt und das im Nachhinein als „Spaß“ deklariert. Mal altersbedingt, wenn er sich in Anekdoten und Nebengeschichten verliert, die er oft brüsk beendet: „Das ist eine andere Geschichte“, heißt es dann. Ein Leitmotiv, das man auch aus Michael Endes „Unendliche Geschichte“ kennt und das es hier sogar in den Buchtitel geschafft hat. Die Auslassungen des Patienten sind ein einziges Ablenkungsmanöver. Um nicht auf das zu sprechen zu kommen, was der Therapeut „die Eiterbeulen an der Seele“ nennt. Die dem Mann auf der Couch aber den Schlaf rauben. Bis die Euterbeulen aufplatzen und der humoristische Plauderton jäh endet. Schon der Name des Patienten lässt aufhorchen. Curtis Melnitz, das verweist natürlich auf das Opus Magnum von Charles Lewinsky, „Melnitz“, das ihm vor 20 Jahren, spät, mit 60 Jahren, zum endgültigen Durchbruch als Romancier verhalf. Die Geschichte um Curits Melnitz aber ist noch viel älter. Lewinsky hat das schon öfter erzählt. Und tut es auch in einem Vorwort zu seinem jüngsten Roman. Seine Großmutter hat ihm in der Kindheit von einem reichen Mann aus Hollywood namens Melnitz erzählt, der 1936 mit zwei Autos in Leipzig vorfuhr, um die Juden zu warnen: „Verschwindet aus Deutschland. Hier wird es ganz schlimm.“ Seit Lewinsky begann, Bücher zu schreiben, wollte er daraus einen Roman machen. Aber bei den ersten Anläufen scheiterte er. Bis etwas ganz anderes daraus wurde. „Romanfiguren“, so erklärte Lewinsky einmal fast entschuldigend, „machen sich manchmal selbstständig, als Autor muss man sie machen lassen.“ So entstand „Melnitz“, die Chronik einer jüdischen Familie über vier Generationen hinweg, die sich für vermeintlich assimiliert hält. Die aber immer wieder von ihrem Onkel Melnitz heimgesucht wird, einem Untoten und ewigen Juden, der sie an all die antisemitischen Ressentiments und Pogrome erinnert. Was schließlich ins Fanal des Holocaust mündet. Auf „Literaturport“, der Website des Literarischen Colloquiums Berlin, hat Lewinsky seine Vita einmal schelmisch als Brief an seinen Verleger wiedergegeben.
„Mein Schreiberleben möchtest Du erzählt haben?“, heißt es da. „Und erwartest Du wahrscheinlich einen geradlinigen Entwicklungsroman, der mit ,Melnitz‘ seinen krönenden Abschluss findet?“ Damit könne er leider nicht dienen. Am meisten habe ihn immer das gereizt, was er noch nie gemacht habe, auch wenn das manchmal Jahre, ja Jahrzehnte gedauert habe. Aber deshalb sei er eben kein „Berufsjude“, kein Berufsunterhalter oder „Berufs-Irgendwas“. „Ich bin“, so sein Fazit, „nur neugierig. Hilft Dir das weiter?“ Das erinnert ein wenig an den ironischen Ton, den sein Curtis Melnitz nun gegenüber seinem Seelenklempner anschlägt. Denn nun hat sich Lewinsky doch noch einmal an sein frühes Projekt gemacht. Einen Curt Melnitz gab es tatsächlich. 1897 in Leipzig als Kurt Chmelnitzki geboren, kam er 1905 in die USA, wurde ein kleines Licht in der noch jungen Lichtspielbranche. Kehrte in den 20er-Jahren nach Deutschland zurück, wo er in Berlin der Auslandsvertreter des Hollywood-Studios United Artists wurde. Hat auch einige Filme selber produziert, wie „Wer nimmt die Liebe ernst?“. Und begleitete Charles Chaplin bei seinem Berlin-Besuch 1931 als persönlicher Referent. Diese wenigen Daten hat Lewinsky mit großer Imaginationskraft und Fabulierlust angereichert. Schließlich hat der Schweizer Literat selbst lange im Filmmetier gearbeitet, zumindest beim Fernsehen, wo er zahlreiche Drehbücher schrieb für Serien, „Traumschiff“-Folgen und die Sitcom „Fascht e Familie“.
Und so hat Lewinsky das Leben von Curtis Melnitz – 70 Jahre nachdem er dessen Namen zum ersten Mal gehört hat – zu einemtypischen Lewinsky-Roman ausgeschmückt und neu erfunden. Und lässt, wie in fast all seinen Werken, aus einer ganz persönlichen, vermeintlich engen Perspektive heraus die große Geschichte erleben und erleiden. Der Roman setzt 1959 in Los Angeles ein, da läuft im Kino gerade „Ben Hur“. Aber der Therapeut ist nicht kinoaffin, weshalb ihm die vielen Filmanspielungen seines Patienten (anders als wohl dem Großteil der Leser) nichts sagen. Auch wenn der betagte Filmproduzent schon mal lästert, so groß sei der Unterschied zwischen Filmemachern und Psychiatern nicht. Alles nur Illusionen.
Aber dann holt Melnitz aus, lässt mehr als ein halbes Jahrhundert mit zwei Weltkriegen Revue passieren. Eine schelmische Lebensgeschichte, bei der man nie ganz weiß, was wirklich wahr ist und was Aufschneiderei eines Mannes der Traumfabrik, der weiß, wie Storys sich am besten verkaufen. „Mit dem Onkel Melnitz aus dem gleichnamigen Roman“ habe dieses Buch „nichts zu tun“, schreibt Lewinsky in seinem Vorwort. „Das ist eine andere Geschichte.“ Aber eine wunde Schnittmenge gibt es doch. Und auf die läuft alles hinaus. Lewinsky macht seinen Protagonisten so alt wie sich selbst. Na, noch bisschen älter. Curtis Melnitz hat seinen 80. schon hinter sich. Und nein, so sagt er seinem Psychiater, er habe das nicht gefeiert: „In meinem Alter ist ein runder Geburtstag kein Grund für Eiapopeia.“ Im Falle Lewinskys darf, ja muss man dieses Datum unbedingt zelebrieren. Weil der Schriftsteller nichts von seinem Witz, seiner Fantasie und virtuos doppelbödigen Erzählkunst verloren hat. Und zu seinem Jubiläum seine Leserschaft beschenkt. Mit einem alten Projekt, das offenbar immer im Hinterkopf spukte, aber erst reifen musste und nun doch noch umgesetzt wurde. Um jetzt die Leser zu ergötzen: mit einer scheinbar ganz leichten, unterhaltsamen Geschichte, die immer tief- und abgründiger wird. Bis zum bitteren Ende. Ein großes Alterswerk, das immer auch vom Erzählen und Erinnern handelt.
Berliner Morgenpost, erschienen am 10. April 2026