Glosse des Monats Oktober

Jeder, der sich nicht für ein Genie hält, hat kein Talent.
Die Brüder Goncourt

Um einen Roman zu schreiben sind nach meiner Erfahrung drei Zutaten unabdingbar: ein Computer, genügend Kaffee-Nachschub und Grössenwahn. Den Computer kann man eventuell durch Papier und Bleistift ersetzen oder auch – auf die Gefahr hin, als Hemingway-Imitator bezeichnet zu werden – durch eine antike Hermes Baby, und statt des Kaffees bevorzugen manche Kollegen alkoholische Getränke. Aber der Grössenwahn, darauf bestehe ich, ist für den Schrift­stellerberuf unerlässlich.

Allerdings nur, wenn er keine Dauererscheinung ist. So ungern ich den brillanten Brüdern Concourt widerspreche: Wer sich jeden Tag schon beim Aufstehen für ein Genie hält, und an dieser Meinung auch noch festhält, wenn er am Abend unter die Decke kriecht, ist mit grosser Wahrscheinlichkeit völlig talentfrei. (Was ihn aber nicht stören wird, weil er es, vom Gefühl der eigenen Genialität völlig ausgefüllt, gar nicht bemerkt.)

Nein, die unerlässliche Zutat zum Schreiben eines Romans ist der punktuelle kreative Grössenwahn. Beim mühseligen Herumhirnen an dem zu schreibenden Buch muss irgendwann einmal der Gedanke aufblitzen: Das, was da gerade entsteht, ist wirklich brillant, einmalig und genau das, worauf die literarische Welt so lange gewartet hat. Und ich, dem das eingefallen ist, muss ein Genie sein.

Natürlich, dieses höchst angenehme Gefühl hält nie vor. Im Lauf der Arbeit zeigt sich sehr bald, dass einem das Anein­ander­mon­tieren von Worten keineswegs so leicht von der Hand geht, wie das bei einem Genie der Fall sein müsste. Und dass der Gedanke, der diesen so wohltuenden Grössenwahnschub ausgelöst hat, so einmalig brillant nun auch wieder nicht ist. Ganz brauchbar vielleicht oder auch ein bisschen mehr.

Aber ohne das kurzfristige High, das einem die irrtümliche Erkenntnis der eigenen Genialität vermittelt, würde sich niemand an die mühselige Arbeit machen, hunderte von Seiten mit Text zu füllen. Mein Textprogramm zeigt mir an, dass „Melnitz“ aus rund eins komma vier Millionen Zeichen besteht. So oft drückt niemand freiwillig eine Taste, wenn er nicht ab und zu, bei einem besonderen brillanten Einfall oder einer besonders hübsch gedrechselten Formulierung mit der Illusion belohnt wird, er sei ein Genie.

Und mit genügend Kaffee, selbstverständlich.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 28. Oktober 2018,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

 


 

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