Roman
410 Seiten
2019, Verlag Diogenes

Die Geschichte eines Mannes, der schon immer so heftig stottert, dass er es vorzieht, sich schriftlich auszudrücken. Er wird zu einem brillanten Formulierer, aber er benutzt diese Fähigkeit nur, um andere Leute zu manipulieren und auszubeuten. Als er als Betrüger im Gefängnis landet, beginnt er einen Briefwechsel mit dem Gefängnispfarrer, aber nicht, weil er plötzlich zur Religion gefunden hätte – die hat man ihm schon während seiner Kindheit in einer Sekte ausgetrieben –, sondern weil er sich vom Kontakt mit dem «Padre» persönliche Vorteile erhofft.

Er berichtet seinem Briefpartner aus seinem Leben, aber wie bei allem, was er erzählt, kann man nie sicher sein, ob er die Dinge, an die er sich zu erinnern scheint, tatsächlich erlebt hat, oder ob er sie erfindet, um damit etwas zu erreichen. Er ist ein so unzuverlässiger Erzähler, dass auch der Leser nie weiss, was denn nun die Wahrheit wäre. (Und ich als Autor wusste es auch nicht immer.)

«Der Stotterer» ist das erste meiner Bücher, das im Verlag Diogenes erscheint. Aber warum ich mir einen neuen Verlag gesucht habe, das erzähle ich höchstens dem Padre.

 

Okay. Natürlich mache ich mit. Ich wäre dumm, wenn ich es nicht täte. Halten wir unsere Abmachung noch einmal fest: Sie sorgen dafür, dass ich den Posten in der Bibliothek bekomme, und ich verpflichte mich, Geschichten aus meinem Leben für Sie aufzuschreiben. Weil ich doch – Ihre Formulierung ‒ eine Begabung für das Schreiben habe. Ein Talent, das ich nicht ver­schwenden darf. Sagen Sie.

Glauben Sie mir, Padre: Ich habe meine Talente auch bisher nicht verschwendet. Dass ich einmal Pech hatte und deshalb hier gelandet bin, war ein Zufall, mit dem nicht zu rechnen war.

Es ist ein fairer Deal. Für uns beide. Win win. Sie wollen einen Erfolg Ihrer Arbeit sehen und meinen, in mir das richtige Objekt gefunden zu haben. „Ich habe einen besseren Menschen aus ihm gemacht“, wollen Sie sagen können. Akzeptiert. Das ist Ihr Beruf, und der Versuch ist nicht strafbar.

Ich, meinerseits, brauche einen interessanteren Arbeitsplatz. Von morgens bis abends Kfz-Kennzeichen stanzen, dabei verblödet ein denkender Mensch. Zwölf Euro sechsunddreißig am Tag, und nur die Hälfte davon darf ausgegeben werden. „Damit ihr einen Grundstock habt für die Zeit nach der Entlassung.“ Klar. Den Grundstock für die eine Nacht im Puff, die man nötig hat, wenn man hier rauskommt. „Auf den Entsafter gehen“, nennen sie das. Ich habe den Ausdruck vorher nicht gekannt.

Ich liebe Worte. Ich liebe es zu lesen, und ich liebe es zu schreiben. Beim Schreiben stottere ich nicht. Win win.

Eine kleine Nebenbedingung, das Kleingedruckte gewissermaßen: Wenn Sie in diesen Aufzeichnungen Dinge zu lesen bekommen, die Ihnen nicht gefallen, dürfen Sie deshalb nicht in einen Moralkoller verfallen und unsere Abmachung kündigen. Ich sage Ihnen gleich: Es wird eine Menge geben, das Ihnen nicht gefällt. Abgemacht?

Abgemacht.

Dafür werde ich Sie nicht langweilen, versprochen. Allerdings kann ich nicht garantieren, dass Sie in jedem Fall die Wahrheit zu lesen bekommen. Aber Sie werden den Unterschied schon erspüren. „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Johannes, Kapitel 8, Vers 32. Wobei das mit der Freiheit relativ ist. Auch bei bester Führung muss ich noch mindestens zweieinhalb Jahre absitzen. Ich bin fest entschlossen, mich vorbildlich zu führen. An jedem Sonntag zum Gottesdienst.

Und am Donnerstag in Ihren Gesprächskreis, in dem Sie uns das Verbrechen abgewöhnen wollen wie die anonymen Alkoholiker ihren Kunden das Saufen. Nicht wahr, Padre: Ich bin der interessanteste Teilnehmer, den Sie dort jemals hatten? Ich weiß Reue überzeugend darzustellen, und ein paar der Erlebnisse, von denen ich Ihnen berichtet habe, sind sogar tatsächlich passiert.

Ich habe Ihnen nach den Gesprächen immer wieder mal eine Nachricht geschickt, weil ich mich wegen meiner Stotterei nicht richtig habe ausdrücken können, und habe Sie damit fasziniert, dass ich mich in der Bibel so gut auskenne. Ich habe Ihnen bisher nicht erzählt, wo diese Spezialkenntnisse herkommen, und Sie haben meine Zitatenschleuder für Frömmigkeit gehalten. Aber damit hat es nichts zu tun. Im Gegenteil. Erklärung folgt. Lukas, Kapitel 21, Vers 19. Schlagen Sie’s nach, wenn Sie‘s nicht auswendig wissen.
Ich habe mich für Sie interessant gemacht. Habe Ihr Mitleid erweckt. Ich weiß, wie das geht. Ich habe mein Stottern übertrieben. Nicht gefaket, nur verstärkt. Eine Lüge ist umso wirksamer, je mehr Wahrheit sie enthält. Ich stottere wirklich. Sehr heftig sogar. Und niemand kann etwas daran ändern.

Stottern, auch Balbuties genannt, ist eine Sprechweise, die…

Ach was. Schauen Sie selber in der Wikipedia nach. Stichwort „klonisches Stottern“.

Seit ich mich erinnern kann, spreche ich so kleingehackt. Nur als Säugling werde ich geschrien haben wie alle andern. Ich hatte die Sorte Kindheit, die Grund zum Schreien gibt.

Keine Angst, das wird hier keine Jammerarie von wegen schwere Jugend und nur deshalb vom Pfad der Tugend abgewichen. Das Lied können Sie bestimmt nicht mehr hören, so oft wird es Ihnen vorgesungen. Ich habe vor Gericht nicht herumgeheult, und ich werde es auch bei Ihnen nicht tun. Obwohl Ihr Beruf Sie eigentlich verpflichten würde, auf Heulereien reinzufallen.

Nicht wahr, Padre?

Sie werden es nicht glauben, aber als kleiner Junge habe ich tatsächlich davon geträumt, selber Priester zu werden. Können Sie sich das vorstellen? Ein Stotterer auf der Kanzel? „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Gei… Gei… Gei…“? Lewis Carroll, der von Alice im Wunderland, wollte auch Pfarrer werden, kam aber wegen seines Stotterns für den Beruf nicht in Frage. Ich kann Ihnen eine Menge berühmter Leute mit der gleichen Eigenheit aufzählen. Winston Churchill. Marylin Monroe. Ich befinde mich in guter Gesellschaft. Schriftsteller, Politiker, Schau­spieler. Lauter Tätigkeiten, bei denen das Lügen zum Berufsbild gehört.

Eine unterschätzte Kunstform.

Ich hätte den Pfarrerjob gut gemacht, er setzt ja keinen Glauben voraus. Man muss sich nur in andere Leute hineindenken können. Eine Berufs­vor­­aussetzung, die Geistliche und Trick­betrü­ger gemeinsam haben.

Sind Sie jetzt beleidigt? Nehmen Sie‘s als Beweis für meine Ehrlichkeit.

 

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