Glosse des Monats Dezember

Wenn ihr einen besonders schönen Sonnenuntergang habt, leg eine Wolldecke drüber und bewahr ihn auf, bis ich da bin.
Mark Twain an seine Tochter


Eine Wolldecke muss es ja vielleicht nicht gerade sein, aber Mark Twain beschreibt mit diesem Sprachbild ganz exakt die Arbeit des Schriftstellers: Einen besonderen Augenblick festhalten, damit man ihn auch noch geniessen kann, wenn er längst vorbei ist.

Die Mistel an dem Baum in jenem Herbst, die genau so aussah wie die antike griechische Maske eines Tragöden – wenn sie nicht beschrieben wird, bleibt nichts von ihr übrig.

Oder wie mein jüngster Enkel mit den Beinchen zappelt, als ob er für einen Marathonlauf trainieren wollte, obwohl er noch nicht mal stehen kann – nur wenn ich den Moment zu Papier bringe, kann ich mir den liebevollen Beschützerdrang, den ich bei diesem Anblick empfand, auch in ein paar Jahren wieder in Erinnerung rufen.

Das Wunderbare an diesen magischen Wolldecken ist, dass sie auch funktionieren, wenn eigentlich gar nichts drunter ist. Was wir damit festhalten, kann auch etwas Ausgedachtes sein. Denn das ist das Seltsame an der Literatur: Erfundene Geschehnisse, erfundene Gefühle können ihre Leser oft stärker erschüttern als jede Wirklichkeit. Sogar wenn dieser Leser der Verfasser selber ist. Wenn ich eigene Romane nach vielen Jahren wieder lese, kommt es immer wieder vor, dass mich eine Szene so berührt, als ob ich beim Schreiben etwas tatsächlich Erlebtes gemeint hätte.

Aber eben: Es muss schon die spezielle Schriftsteller-Wolldecke sein. Irgendein Lappen genügt nicht. Wir haben es alle schon oft erlebt, dass jemand eifrig versuchte, ein Erlebnis aufzuschreiben – und trotzdem blieb nichts davon übrig als eine Ansammlung von Worten.

In Theaterkreisen erzählt man sich die Anekdote von dem jungen Schauspieler, der von der Beerdigung seines Vaters zurückkehrt und noch so von seinen Gefühlen überwältigt ist, dass er den Monolog des Melchthal, in dem der den Tod seines Vaters beschreibt, so innerlich bewegt spricht, wie er es noch nie geschafft hat. Worauf ein älterer Kollege zu ihm sagt: „Nur weil du ein bisschen Erfolg gehabt hast, darfst du jetzt nicht anfangen zu schmieren.“

Auch der schönste Sonnenuntergang kann in der Beschreibung kitschig werden. Außer man verfügt über jene magische Wolldecke, die sich Mark Twain erträumte.

Rezensenten, stelle ich mir vor, sind Helden.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 10. Dezember 2017,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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