Glosse des Monats November

Ein Dichter, der liest, ist wie ein Koch, der isst.
Karl Kraus


Normale Menschen verstehen nicht immer auf Anhieb, was weniger normale Menschen – in diesem Fall Fachleute für Steuerfragen – eigentlich sagen wollen, wenn sie etwas verkünden. Den folgenden Satz sollten Sie deshalb ganz langsam lesen:

„Das Honorar eines Autors für die Lesung aus seinem Werk unterliegt dem ermässigten Umsatzsteuersatz von 7%, wenn die Lesung mit einer Theater­­vorführung vergleichbar ist.“

Kapiert? Nicht ganz? Dann will ich Ihnen diese Entscheidung des 12. Senats des Finanzgerichts Köln gern erläutern.

Geklagt hatte eine Autorin, die aus eigenen Werken gelesen hatte und deren Honorar vom Finanzamt mit dem vollen Umsatzsteuersatz von 19% belegt worden war. Sie ihrerseits war der Ansicht, dass es sich bei einer Lesung um eine künstlerische Veranstaltung handle, für die der reduzierte Satz gelte.

Das Finanzgericht gab ihr recht. Allerdings mit eben jener Einschränkung, die Sie zwar gelesen, aber bestimmt nicht in der Fülle ihrer Auswirkungen verstanden haben: Die Lesung muss mit einer Theatervorführung vergleichbar sein.

Was bedeutet – und Finanzbeamte sind in der Ausdeutung von Gesetzen kreativer als jeder Kreationist in der Auslegung von Bibelversen: Jene Kollegen, die bei ihren Lesungen nie von ihren Büchern aufblicken und nur eintönig vor sich hin nuscheln, zahlen auch weiterhin den vollen Steuersatz. Denn da ist weit und breit nichts vom Charakter einer Theatervorstellung zu spüren.

Wer Steuern sparen will, wird also in Zukunft gestikulieren, dramatische Grimassen schneiden und vielleicht ab und zu einen Salto einlegen. Was eben so zu einer richtigen Theatervorstellung gehört. Er kann auch gern zwischendurch das eine oder andere Volkslied singen. Falls sein zuständiger Finanzbeamter ein regelmässiger Theaterbesucher ist, wird er dann sofort notieren: „Stilistisch von Marthaler beeinflusst.“

Es könnte finanztechnisch auch empfehlenswert sein, vor der Lesung beim Kostümverleih vorbeizuschauen oder sich einen falschen Bart zu kleben.

Und vielleicht, wer weiss, lässt sich der Steuersatz sogar noch weiter senken. Man müsste dafür einfach sehr, sehr theatralisch lesen. Als sich Rainald Goetz damals beim Ingeborg-Bachmann-Preis während seiner Lesung die Stirn aufschlitzte, hätte er eigentlich sogar Geld rausbekommen müssen.

Aber für Klagenfurt ist das Finanzamt Köln ja nicht zuständig.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 7. Dezember 2014,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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