Glosse des Monats November 2013

Literature is news that STAYS news.

Ezra Pound


Wussten Sie, dass „Sense And Sensibility“ von Joanna Trollope stammt? Dass Alexander McCall Smith der Autor von „Emma“ ist? Das wussten Sie nicht? Dann sind Sie nicht auf der Höhe des zeitgenössischen Literaturbetriebs. Und wenn Sie jetzt auch noch einwenden, das seien doch zwei klassische Romane von Jane Austen, dann sind Sie, sorry, nachgerade altmodisch.

Ein englischer Verleger ist nämlich auf den Gedanken gekommen, alle Romane von Jane Austen neu schreiben zu lassen. Aktualisiert und ins 21. Jahrhundert verlegt. Damit auch heutige Leser endlich etwas mit den Geschichten anfangen können. Man kann, so seine Überlegung, von den Vertretern der YouTube-Generation nicht erwarten, dass sie sich ins Seelenleben von Figuren des frühen neunzehnten Jahrhunderts einfühlen. Mit anderen Worten: Er hält moderne Leser für blöd.

Ausgerechnet „Sense And Sensibility“, zu Deutsch: „Verstand und Vernunft“! Wo es diesem Projekt doch an beidem fehlt. Das Ganze ausgeheckt von einem Mann, der von Beruf Verleger ist - eine Berufsbezeichnung, die in seinem Fall wahrscheinlich daher stammt, dass er seinen literarischen Geschmack verlegt und nie wieder gefunden hat.

Es ist ihm, das hat mich an der Ankündigung am meisten überrascht, auch tatsächlich gelungen, namhafte Autoren für diesen Akt literarischer Leichenschändung zu gewinnen. Sie müssen alle, so scheint mir, das Zehnfingersystem blind beherrschen. Man sieht ja die Tastatur nicht, wenn man den Blick beim Schreiben die ganze Zeit stur auf die Kasse gerichtet hat.

Es steht zu befürchten, dass die Umsatzzahlen zufriedenstellend ausfallen. Auch chemisch zusammengemixte Lebensmittel-Imitate mit „naturähnlichen Aromen“ verkaufen sich schliesslich gut. Und weil, im Gegensatz zum Sprichwort, das Schlechtere stets der Feind des Guten ist, werden wir bald neuverfasste deutsche Klassiker in den Schaufenstern der Buchhandlungen sehen. Da wird dann der junge Werther seine Lotte bei einem Internet-Dating-Dienst kennenlernen, und Annebäbi Jowäger ihre Familie mit homöopathischen Kügelchen traktieren. Wenn Jane Austen nicht sicher ist, ist niemand mehr sicher,

Mark Twain mochte Jane Austen nicht. Er erklärte einmal, jede Bibliothek, die keines ihrer Bücher enthalte, sei nur schon deshalb eine gute Bibliothek. Aber dieses Schicksal hätte nicht einmal er ihr gewünscht.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 24. November 2013,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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