Glosse des Monats November 2012

Es ist schwierig, keine Satire zu schreiben.
Juvenal


Und dabei hätte es doch einfach ein Buch werden sollen und gar keine Satire. „Klick mich“ heisst das Werk, trägt den werbewirk­samen Untertitel „Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin“ und für sechzehn Euro neunundneunzig kann man es bei Amazon bestellen.

Julia Schramm, die Autorin, ist Mitglied im Bundesvorstand der deutschen Piratenpartei. (Oder müsste das Mitgliedin heissen? Ich bin mit solchen Feinheiten der politischen Korrektheit oft überfordert.) Als führende Piratin vertritt sie selbstverständlich die Forderung aus dem Programm ihrer Partei, „das nichtkommerzielle Kopieren, Zugänglichmachen, Speichern und Nutzen von Werken nicht nur zu legalisieren, sondern explizit zu fördern.“ Das gilt für Filme, für Musik und natürlich auch für Bücher. Auch für solche, die man selber geschrieben hat,

Oops.

Denn damit setzt die Satire ein. Jetzt, wo Julia Schramm gemerkt hatte, wie viel Arbeit so ein Buch macht, und wo sie die Tantiemen schon verplant hatte, jetzt fand sie die Forderung, die sie gerade noch so heftig vertreten hatte, zwar immer noch gut. Nur nicht im eigenen Fall.

Als jemand ihre Bekenntnisse zum kostenlosen Herunterladen ins Netz stellte, liess sie ihren Verlag gegen diese Urheberrechts­verletzung juristisch einschreiten. Auch wer andere Autoren enteignen will, verteidigt den eigenen Geldbeutel mit Zähnen und Klauen.

Die Geschichte erinnert ein bisschen an die – vielleicht apokryphe – Anekdote über A.S.Neill, einen der Begründer der antiautoritären Erziehung. Er habe, so wird gemunkelt, einem Schüler, der mit beschuhten Füssen auf den Tasten seines Pianos herumgetrampelt sei, eine Ohrfeige verpasst. Mit der Begründung: „Natürlich bin ich gegen jede Autorität. Aber das ist mein Klavier.“

Bei A.S.Neill weiss man nicht so genau, ob die Geschichte stimmt. Julia Schramm hingegen war ganz eindeutig der Meinung: „Aber das ist mein Buch!“ Worauf im Netz ein Shitstorm über sie hereinbrach. In der Flut von Verwünschungen, mit denen sie eingedeckt wurde, war „geldgierige Hure“ noch eine der freundlicheren Formulierungen.

Frau Schramm hat ihren Rücktritt aus dem Parteivorstand der Piraten erklärt. Ihre politische Karriere ist vielleicht zu Ende. Aber in die Annalen der ungewollten Satire ist sie ganz bestimmt eingegangen.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 24.November 2012,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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