Glosse des Monats Oktober

Das dauernde, wahllose Besprechen von Büchern ist ein ungewöhnlich undankbarer, lästiger und erschöpfender Beruf.
George Orwell


Ein Buch zu lesen, nur um nachher darüber zu schreiben, das stelle ich mir vor, als ob man eine Frau küsste, nur um darüber zu befinden, ob sie das Spiel mit Lippen und Zunge auch wirklich beherrsche. Als ob man als auf Familienmitglied verkleideter Privatdetektiv an der festlichen Tafel eines Hochzeitstages sässe und nur darauf lauere, den Ehemann bei einem gerichtsverwertbaren Fauxpas zu erwischen. Als ob man im offenen Auto durch eine fremde Landschaft führe, voll auf die Beobachtung konzentriert, ob der Wagen auch gut gefedert sei.

Ein Buch zu lesen, nur um anschliessend über die Lektüre zu berichten, das stelle ich mir vor, wie zwangsweise in einem Schlemmerlokal speisen zu müssen, von täglicher Überfütterung aufgebläht, und bereits beim Studieren der Speisekarte nur zu denken: „Und ich wäre doch so gern auf Diät.“ Wie wenn man bereits gestern in einem Konzert gewesen wäre und vorgestern auch, und jede Aufführung schon zu lang fände, noch bevor der Dirigent auch nur den Taktstock gehoben hat. Wie das Leben einer Stopfgans, der immer neues Lesefutter in den Hals in den Hals gequetscht wird, und sie ist doch längst schon satt.

Ein Buch zu lesen, nur um hinterher Kluges darüber sagen zu können, das stelle ich mir vor wie das Leben eines Galeerensklaven, angekettet an eine Ruderbank aus Neuerscheinungen und vom Trommelschlag des Redaktionsschlusses erbarmungslos angetrieben. Wie das Schicksal eines einsamen Bergmanns, der sich, nur mit Schaufel und Lesebrille bewaffnet, durch dunkle Schächte kämpft, und in all dem Schutt und Geröll die Hoffnung auf eine Goldader für immer aufgegeben hat. Wie die Tragödie eines Märchenprinzen, der sich durch einen Berg aus Haferbrei ins Schlaraffenland zu fressen hofft, aber wie er auch schluckt und würgt, es wird immer neuer Haferbrei nachgeliefert, und den haben die vielen Köche schon lang für ihn verdorben.

Ich stelle mir vor, dass man nachts von dräuenden Gebirgszügen aus bedrucktem Papier träumt, es ist, als ob es tausend Bücher gäbe und hinter tausend Büchern keine Welt.

Rezensenten, stelle ich mir vor, sind Helden.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 22. Oktober 2017,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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