Glosse des Monats Oktober

Die Höhlung, welche das geniale Werk in das uns Umgebende gebrannt hat, ist ein guter Platz, um sein kleines Licht hineinzustellen.
Franz Kafka


Es gibt Momente, da kommt man sich als Autor vor wie ein ganz brauchbarer Tennis­amateur aus der Regionalliga, der gerade gegen Roger Federer hat antreten müssen. 6:0, 6:0, 6:0, und der starke Aufschlag oder die gute Rückhand, auf die man auf der Vereinsebene ein bisschen stolz sein konnte, sind plötzlich überhaupt nichts mehr wert. Man hat - manchmal ist die deutsche Sprache so präzis wie das Skalpell eines Chirurgen – seinen Meister gefunden.

Was tut man in dieser Situation? Das Tennisspiel aufgeben und es in Zukunft mit Boccia probieren? Weil man weiss, dass man auch nach hundert Jahren täglichen Trainings nie so gut sein wird wie Roger? Oder, um von der Metaphernebene in die Wirklichkeit der Schriftstellerei zurückzukehren, soll man das Schreiben aufgeben, weil man gerade ein Buch gelesen hat, dessen Qualität man auch in seinen besten Momenten nicht erreichen wird? Weil man weiß, dass dieser Autor schon im ersten Entwurf besser schreibt als man selber in der zwanzigsten polierten Fassung?

In meinem Fall war es eine Autorin. Ich habe gerade Hilary Mantels Jugenderinnerungen „Giving Up the Ghost“ zu Ende gelesen (auf Deutsch scheusslicherweise nicht als „Den Geist aufgeben“ sondern als „Von Geist und Geistern“ übersetzt), und ich sitze immer noch fassungslos da und frage mich: Wie kann jemand so gut schreiben?

Dabei faszinieren Memoiren in der Regel mehr wegen der darin geschilderten Erlebnisse als wegen der Brillanz ihrer Form. Und was Hilary Mantel zu beschreiben hat, ist nicht einmal so wahnsinnig aufregend, sie war ein unangepasstes, spökenkiekerisches Kind und litt später viele Jahre unter einer schweren Krankheit – so what? Aber wie sie das beschreibt, wie auf jeder Seite die Beobachtungen und Erkenntnisse aufblitzen wie frisch geschliffene Diamanten, wie sie nicht nur in jedem Satz die richtigen Worte findet, sondern immer mal wieder die unpassenden und deshalb umso richtigeren, das hat mich umgehauen.

Und jetzt? Soll ich konsequenterweise das Schreiben aufgeben, weil man gegen Roger Federer ja doch keine Chance hat? Soll ich anfangen Briefmarken zu sammeln oder den Eiffelturm aus Streichhölzern nachzubauen?

Ich werde, getröstet von Franz Kafka, weiter schreiben. Auch die kleinen Lichter haben ihren Platz. Und manchmal wachsen im Schatten der grossen Bäume ja auch ganz hübsche Blumen.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 25. Oktober 2015,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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