Glosse des Monats Oktober 2013

Wozu sind wir denn da, ausser um unseren Nachbarn als Zielscheibe zu dienen und unsererseits über sie zu spotten?

Jane Austen


Meine Bibliothek ist alphabetisch nach Autoren geordnet, was zu seltsamen Begegnungen führt. Manchmal vergnüge ich mich damit, mir zu überlegen, worüber sich solche Zufallsnachbarn wohl unterhalten.

Karl und Groucho Marx, nehme ich an, streiten sich darüber, wessen Form von Marxismus die Menschheit auf Dauer mehr überzeugen werde. (Ich tippe auf Groucho.) Heinrich und Thomas Mann zeigen sich die kalte Schulter. Die beiden Brüder haben sich im Leben nie gemocht, warum sollten sie es in meinem Bücherregal tun? Während sich Joseph Roth und Philip Roth immer nachts, wenn die anderen Bücher schlafen, jüdische Witze erzählen. Die des Amerikaners sind die unanständigeren.

Casanova ist, den Buchstabier-Regeln folgend, neben Cervantes geraten, und versucht ihn von einer Neufassung seines Meisterwerks zu überzeugen, in der Don Quijote seine Dulcinea gleich im ersten Kapitel erfolgreich verführt. Und Mao, eingeklemmt zwischen Hilary Mantel und Gabriel García Márquez, beschwert sich darüber, dass er überhaupt nicht in dieses Regalquartier gehöre. Obwohl… Was phantastischen Realismus anbelangt, könnte er den beiden bestimmt eine Menge Ratschläge geben.

Sigmund Freud und Egon Friedell plaudern natürlich über Wien, während sich Oscar Wilde und Billy Wilder über die Pointen des andern totlachen würden, wenn sie nicht beide schon tot wären. Walter Kem­powski leidet, weil er zwischen Friederike Kempner und Alfred Kerr eingeklemmt ist, und die beiden sich permanent über ihn hinweg kabbeln. Kerr ist sauer, weil man den „schlesischen Schwan“ immer für seine Tante gehalten hat, und die Kempner antwortet auf seine Vorwürfe in so ungelenken Reimen, dass einem davon der Schutzumschlag gelb werden kann.

Einmal ergab sich beim alphabetischen Einsortieren eine fast magische Nachbarschaft. Da standen nämlich plötzlich zwei Bücher mit dem exakt gleichen Titel nebeneinander. Eines stammte von Dostojewski und das andere von Dürrenmatt. Und das Unheimliche an der Sache: Beide Bücher hiessen „Der Doppelgänger“.

Unterdessen sind sie keine Nachbarn mehr. Sir Arthur Conan Doyle hat sich zwischen sie geschoben. Und ärgert sich wahrscheinlich darüber, dass ihm dieser Titel nicht auch eingefallen ist. „Das Geheimnis des Doppelgängers“ – das wäre doch etwas für Sherlock Holmes gewesen.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 27. Oktober 2013,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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