Glosse des Monats September

Es gibt keine Teetasse, die gross genug und kein Buch, das lang genug für mich wäre.
C. S. Lewis


Auch wenn Leser von „Bücher am Sonntag“ selbstverständlich prinzipiell nur anspruchsvolle Bücher geniessen ‒ manchmal packt auch den feinschmecker­ischsten Feinschmecker die Gier nach einem Hamburger oder nach einer Riesenportion Pommes. Mit ganz viel Ketchup. Und Mayo. Und ungesund viel Salz.

Manchmal, geben wir es zu, will auch der feinsinnigste Leser einfach ein Kilo Buch verschlingen, von tausend Seiten aufwärts. Mit ganz vielen Charakteren. Und Schicksalen. Und ungesund vielen Abenteuern.

Solche Anfälle treten besonders häufig an verregneten Sonntagnachmittagen auf, sowie an dritten Urlaubstagen, wenn dem Platz am Swimmingpool trotz des bunten Schirmchens auf dem Daiquiri einfach etwas zum vollständigen Feriengenuss fehlt. Nämlich ein Schmöker.

Aber Vorsicht: Nicht jedes dicke Buch qualifiziert sich automatisch für diese Kategorie. Wer den „Mann ohne Eigenschaften“ oder „Ulysses“ so despektierlich bezeichnet, kriegt in jedem Literaturseminar ein paar hinter die Löffel. Die Seitenzahl allein ist noch kein Indiz für Schmökerizität. (Man will ja auch ab und zu ein neues Fachwort erfinden.)

Wie zu einer richtigen Zigarette das Nikotin, so gehört auch zu einem richtigen Schmöker eine gehörige Prise Suchtstoff. So ein Buch muss süchtig machen nach immer neuen Verwicklungen, immer neuen Abenteuern, immer neuen Überraschungen. Zugegeben, mit Literatur hat das wenig zu tun. Aber Konsumenten mit einem akuten Anfall von Schmökersucht stört das überhaupt nicht. Auch wer weiss, dass ein Tofu-Burger viel gesünder wäre, will ab und zu in einen Big Mac beissen.

In Massen genossen (warum hat die Schweizer Rechtschreibung bloss kein Scharf-S?) sind Schmöker auch nicht gesundheitsschädlich. Wie der in solchen Dingen erfahrene Oscar Wilde so richtig sagte: „Versuchungen soll man nachgeben. Wer weiss, wann sie wiederkommen.“

PS. Damit niemand sagen kann, diese Kolumne sei nicht lehrreich, hier noch schnell eine Lektion Etymologie: Ein Schmöker war ursprünglich wirklich einfach ein dickes Buch, dick genug, dass es nicht auffiel, wenn man heimlich eine Seite herausriss, um sich mit ihr als Fidibus seine Pfeife anzuzünden. Die man dann genüsslich schmauchen oder eben smöken konnte. Und damit schon wieder einer Sucht nachgegeben hatte.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 24. September 2017,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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