Glosse des Monats September

Der Abschied von einer langen und wichtigen Arbeit ist immer mehr traurig als erfreulich.
Friedrich Schiller


Der Tag, an dem Urs Rauber die Bücher am Sonntag verliess, war ein trauriger Tag. In allen Bibliotheken des Landes wurden die Kataloge auf Halbmast geflaggt, in den Buchhandlungen trugen die Verkäufer Trauerflor, und der Literaturclub wurde zum Zeichen des Leides in schwarz-weiss gesendet. Sogar in der Kantine der NZZ wurde zum Essen nur Schwarzbrot serviert.

Die Schweizer Autoren schritten allesamt gemessenen Schrittes in die nächste Beiz und bestellten dort einen Schierlingsbecher. Als das Rösi und das Mädi nicht wussten, was das war, begnügten sie sich mit einem Bier, bestanden aber in Anbetracht des tragischen Anlasses auf einem dunkeln. Und bevor sie den ersten Schluck nahmen, liessen sie bittere Zähren in das Gebräu fallen. (Eigentlich hätten Tränen auch gereicht, aber wozu hat man ein Synonymlexikon?)

Sogar die Sendung Glanz und Gloria befasste sich an diesem schweren Tag mit Büchern, allerdings erst, nachdem man den Präsentatorinnen erklärt hatte, was ein Buch ist. Sie erklärten es dann ihrerseits den Zuschauern. „Urs Rauber“, sagten sie, „das war der Mann, der sich mit Kindles aus Papier beschäftigte.“

Als dann die düstere Stunde kam, und er schweren Schrittes und mit gebeugtem Haupt die Redaktionsräume verliess, kniete links und rechts ein Spalier von unbezahlten und deshalb zum Trauern besonders geeigneten Volontären, und der Chor der Literaturpreisverleiher stimmte ein dissonantes Lied an. (Sie hatten sich, wie so oft, auf keinen Titel einigen können.) Felix E. Müller trug ein selbstverfasstes Gedicht vor, das er sich von einem Assistenten hatte schreiben lassen, und dessen tiefsinnige Worte noch lang in den heiligen Hallen der NZZ nachklingen werden: „In des Hauses tiefsten Gründen ist kein Rauber mehr zu finden.“ Dann segnete Papst Manfred persönlich den Abtretenden, und zu seinen Ehren wurde ein zwei Meter hoher Stapel seiner Manuskripte in Brand gesetzt.

Ach, es war ein schwerer Tag, und es liesse sich noch seitenlang von all den tragischen Szenen der Verzweiflung berichten, die sich in der eidgenössischen Literaturwelt, bei Schreibenden und Lesenden. abspielten. Aber wie hatte es doch Urs Rauber in seiner unvergesslich präzisen Diktion einmal so richtig formuliert? „Bitte halte dich an die 2350 Zeichen, sonst passt Dein Text nicht ins Raster.“

In seinem Angedenken wollen wir uns stets daran halten.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 27. September 2015,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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