Glosse des Monats September

Die klimatischen Bedingungen in der Hölle sind sicherlich unerfreulich, aber die Gesellschaft dort wäre von Interesse.
Oscar Wilde


Als Satan die Buchmesse erfand – und er muss es gewesen sein, anders kann ich mir diese Einrichtung nicht erklären – da hatte er gerade einen Roman gelesen, der ihm überhaupt nicht gefiel, und deshalb den Entschluss gefasst, sich an allen Autoren zu rächen. Um welches Werk es sich dabei gehandelt hat, ist leider auch in den apo­kryphsten Schriften nicht überliefert, und auch Dante hat bei seiner Wanderung durch die Höllenkreise leider versäumt, danach zu fragen.

Aber dass Buchmessen eine Erfindung des Teufels sind, daran kann es keinen Zweifel geben.

Wer sonst, ausser Luzifer, könnte auf den sadistischen Gedanken kommen, Autoren mitten in einer Halle, in der sich gefühlte hunderttausend Menschen lautstark aneinander vorbeidrängen, vor ein Mikrofon zu sperren und ihnen zu sagen: „Nun lest mal schön vor!“?

Wem sonst, ausser dem Herrn der Unterwelt persönlich, könnte es einfallen, Schriftsteller für die Sünde des Sich-selber-wichtig-Nehmens dadurch zu bestrafen, dass er sie zwingt, sich zwischen Türmen von Büchern mühselig einen Weg zu bahnen – und kein einziges dieser Bücher ist von ihnen verfasst?

Wer sonst, ausser dem Fürsten der Finsternis, kann die untrinkbare bräunliche Flüssigkeit erfunden haben, die an Buchmessen unter dem Namen „Kaffee“ verkauft wird?

Nein, ich bin mir ganz sicher: Er war es. Mephisto, Beelzebub, Urian. Es war ihm verleidet, ständig nur Menschen auf dem Holzkohlengrill knusprig zu rösten oder ihnen von sabbernden Ungeheuern die Eingeweide herausreissen zu lassen. Auch die phantasievollsten Quälereien machten ihm keinen Spass mehr. Er suchte, um es mit der Sprachregelung entlassener Manager zu formulieren, nach neuen Herausforderungen. Als Herr der Hölle hat man zwar einen unkündbaren Arbeitsplatz – aber nach ein paar Äonen wird auch die abwechslungsreichste Tätigkeit zur Routine. Ausserdem fehlte ihm noch ein Eintrag im Guinness-Buch der Sadismus-Rekorde.

Und so erfand der Teufel die Buchmesse, diese massgeschneiderte Privathölle für Autoren. Wenn es in den Hallen von Frankfurt und Leipzig nicht immer so unerträglich laut wäre, könnte man ihn dort die ganze Zeit kichern hören.

Und das alles nur, weil ihm ein Roman so ganz und gar nicht gefallen hatte. Was das wohl für ein Buch gewesen ist? Ich würde ja auf „Shades Of Gray“ tippen. Aber das hat der Teufel bekanntlich selber geschrieben.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 28. September 2014,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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