Glosse des Monats September 2013

Die Leute streiten im Allgemeinen nur deshalb, weil sie nicht diskutieren können.

Gilbert Keith Chesterton


Der Suhrkampf-Verlag…

Ich weiss, ich weiss, er schreibt sich nicht so, aber das falsche Schluss-F rutscht einem einfach in die Tastatur, wenn man an die permanenten internen Querelen denkt. Suhrkamp also, jener legendäre Verlag, den Siegfried Unseld einst gründete, macht seit einiger Zeit mehr Schlagzeilen im Wirtschaftsteil als in den Literaturbeilagen. Statt der Buchkritik wird sich wohl irgendwann nur noch die Kriegsberichtserstattung damit befassen.

Ich will in den innerverlaglichen Grabenkämpfen keine Partei ergreifen. Ich wundere mich nur, warum von all den berühmten und musengeküssten Suhrkamp-Autoren bis jetzt noch keiner einen Roman über die hauseigenen Titanenkämpfe geschrieben hat. Pamphlete sind erschienen, ja, und pathetische Aufrufe auch. Aber wo bleibt der grosse Roman?
Dabei bietet das Thema doch jede Menge Stoff! Hans Barlach wahlweise als Herostrat oder Michael Kohlhaas, Ulla Berkéwicz je nach Standpunkt als Jeanne d’Arc oder Megäre, dazu noch der verstossene Sohn Joachim Unseld als Parricida – wenn das nicht Material genug für ein paar hundert Seiten ist…
„Ich wundere mich“, habe ich geschrieben, aber es müsste heissen: „Ich wunderte mich“. Denn unterdessen habe ich im Suhrkamp-Katalog geblättert und dabei festgestellt: Den Roman gibt es. Es gibt ihn sogar mehrfach. Denn durch die richtige Brille betrachtet sieht eigentlich jeder Suhrkamp-Titel danach aus.
Was kann Ivo Andrics „Der verdammte Hof“ anderes sein als ein Bericht über die Kämpfe um das Erbe des Patriarchen Unseld? Wenn Isaiah Berlin ein Buch „Der Igel und der Fuchs“ nennt – wen kann er damit meinen als Frau Berkéwicz und Herrn Barlach? Und was ausser der immer schlechter werdenden Beziehung zwischen den beiden kann mit Elisabeth Bronfens „Liebestod und femme fatale“ gemeint sein? Selbst Dichter, die schon längst tot waren, als der Rosenkrieg im Hause Suhrkamp begann, haben - prophetisch, wie wahre Suhrkamp-Autoren das nun mal sind – über das Thema geschrieben. Denn selbstverständlich bezieht sich Emily Brontës „Sturmhöhe“ auf Ulla Berkéwiczs Berliner Villa mit ihren unkorrekt an den Verlag vermieteten Räumen.

Und so weiter, und so weiter. Wir sind erst beim Buchstaben B. Ich empfehle allen Lesern dieser Rubrik das Spiel selber weiter zu führen. Man braucht dazu nichts als den Suhrkamp-Katalog und ein bisschen Phantasie.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 29. September 2013,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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