Glosse des Monats September 2012

Lesen ist für den Geist, was Freiübungen für den Körper sind.
Joseph Addison


…und zwei und drei und vier und auf und ab und auf und ab, und dann Anlauf und mit Grätsche über die nächste Metapher! Sehr schön! Und jetzt runter und durch das Wortgestrüpp robben! Vorsicht, nicht an den Neologismen hängen bleiben! Schön auf der Satzspur bleiben und nicht schlapp machen, sonst verordne ich euch eine Ex­trarunde „Finnegans Wake“. Brav, sehr brav.

Und jetzt alle tief durchatmen und zur Erholung in ganz lockerem Joggingtempo durch das Nebensatzlabyrinth. Und Konjunktion und Konjunktion und…

Was ist denn mit Ihnen los, Hugentobler? Was sagen Sie? Über einen Druckfehler gestolpert? Mit solchen Ausreden müssen Sie mir nicht kommen! Sie wissen ja nicht mal, wie man Analphabet buchstabiert! Und legen Sie endlich Ihre nordischen Wanderstöcke weg, wir lesen doch hier nicht Hamsun!

Und jetzt – Achtung, Abschnitt! Nicht darüber stolpern! – wieder Tempo aufnehmen und mit Vollgas durch die näch­ste Landschafts­beschreibung! Ja, ich weiss, ich bin ein Sklaventreiber, aber Sie werden mir dankbar dafür sein, glauben Sie mir. Die Stelle, die jetzt kommt, ist so was von langweilig, da sind Sie froh, wenn Sie sich nicht allzu lang damit…

Hugentobler! Sie schummeln ja! Sie haben zwei ganze Zeilen übersprungen! Mindestens zwei Zeilen! Das ist doch hier kein Arzt­roman, wo es nicht so drauf ankommt! Wir trainieren hier für die Eidgenössische Literatur-Tour! Hier beisst man sich durch! Von der Stirne heiss rinnen muss der Schweiss! Oder wollen Sie den ganzen Verein blamieren?

Was? Zu anstrengend? Dann warten Sie mal ab bis nächste Woche! Da steht Schopenhauer auf dem Trainingsplan. Da werden vielleicht Ihre Synapsen japsen! Auf den Muskelkater in Ihren unterentwickelten Hirnzellen können Sie sich schon mal einstellen.

Also, Hugentobler, noch einmal zurück und diesmal keinen einzigen Buchstaben auslassen. Die andern dürfen am Kapitelende schon mal mit den Dehnungsübungen beginnen.

Und linke Hirnhälfte und rechte Hirnhälfte, und noch mal links und rechts, links und rechts, und jetzt zur Entspannung an gar nichts denken! Aha, das kann er, der Hugentobler, im An-gar-nichts-Denken ist er ein ausgesprochenes Naturtalent.

Also dann, bis zum nächsten Mal, und zwar bitte pünktlich und mit aufgeschlagenen Büchern. Und Sie, Hugentobler, probieren es vielleicht besser mit Makramee!

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 30. September 2012,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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