Glosse des Monats August/September

„Wie lange braucht man, um ein Buch zu schreiben?“
„Das kommt darauf an.“
„Worauf?“
„Auf alles.“

Joël Dicker


Georges Simenon verfasste 193 Romane und 167 Erzählungen. Und das sind nur diejenigen, die er unter seinem eigenen Namen veröffentlichte. Unter verschiedenen Pseudonymen kommen noch etwa 200 weitere Romane dazu. Er soll, so erzählte er selber, für ein Buch selten mehr als vierzehn Tage gebraucht haben. (Um eine Frau zu erobern und wieder zu verlassen, sagt man, brauchte er noch weniger Zeit.)

Robert Musil hinwiederum arbeitete am „Mann ohne Eigenschaften“ einundzwanzig Jahre lang. Er starb, ohne den Roman vollendet zu haben.

Natürlich, man soll literarische Werke nicht miteinander vergleichen. (Nicht, dass sie alle unvergleichlich wären. Es wird mir wohl niemand widersprechen, wenn ich behaupte, dass „Buddenbrooks“ ein besseres Buch ist als „Suche impotenten Mann fürs Leben“.) Aber ich stelle mir doch manchmal die Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Geschwindigkeit des Schreibprozesses und der Qualität des Produkts?

Ich persönlich wäre dankbar, wenn langsames Schreiben immer auch besseres Schreiben bedeutete. Es wäre ein schöner Trost an all den mühseligen Tagen, an denen man sich jedes Wort einzeln aus den Fingern saugen muss, nur um am Abend die wenigen Sätze, die man geschafft hat, mit der Delete-Taste in den Literatur-Orkus zu schicken.

Andererseits… Dass es mit einem Text so überhaupt nicht vorwärts gehen will, könnte ja auch einfach bedeuten, dass man diesen Text besser überhaupt nicht schreiben sollte. Weil einen die Muse nicht küssen kann, wenn sie sich gleichzeitig die Nase zuhalten muss.

Und nochmal andererseits… Wenn es läuft wie geschmiert – doch, auch das kommt durchaus mal vor –, bedeutet das dann nicht, dass man eigentlich gar nicht schreibt, sondern eben nur schmiert?

Und ein drittes Mal andererseits… Ben Jonson berichtet über William Shakespeare, wenn der seine Dramen verfasst habe, „he never blotted out a line“. Der grösste aller Theaterautoren war also ein Schnellschreiber, der immer gleich mit der ersten Textfassung zufrieden war. Sollte man angesichts seiner Meisterwerke nicht versuchen, seinem Vorbild zu folgen?

Die Frage nach dem richtigen Schreibtempo wird sich wohl nie beantworten lassen. Aber es wäre schön, wenn mal jemand ein Buch darüber schreiben würde. Ob schnell oder langsam – das ist mir völlig egal.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 25. September 2016,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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