Glosse des Monats August 2012

Dies ist der grösste Fehler bei der Behandlung von Krankheiten, dass es Ärzte für den Körper und Ärzte für die Seele gibt, wo doch beides nicht voneinander getrennt werden kann.
Plato


Achtung, Achtung! Dies ist eine Gesundheitswarnung!

Das Bundesamt für die Bekämpfung sprachlicher Epidemien teilt mit:

Leser, die auf Klischees empfindlich reagieren, werden aufgefordert, beim Konsum von Büchern und Zeitschriften in der nächsten Zeit allergrösste Vorsicht walten zu lassen. Besonders sensiblen Personen wird sogar totale Lektüre-Abstinenz empfohlen. In Zweifelsfällen fragen Sie Ihren Buchhändler oder Bibliothekar.

Eine neue Formulierungs-Epidemie breitet sich mit bedrohlicher Geschwindigkeit in den deutschsprachigen Medien aus und droht, auch die Schweiz zu erfassen. Es handelt sich um den sogenannten „Gänsehaut pur“-Virus, dessen Symptome darin bestehen, dass der Befallene alles und jedes, das ihn seelisch bewegt – oder von dem er annimmt, es würde sich gut machen, wenn es ihn seelisch bewegte – als „Gänsehaut pur“ bezeichnet. Auch wenn es sich nur um den Einmarsch von nach Nationalität sortierten Sportlern in ein Stadion handelt. Nach Angaben von Fachleuten soll sich der Infektionsherd in den Reportagekabinen deutscher Sportreporter während der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele befunden haben.

Weitere Ausbrüche der äusserst virulenten GP-Seuche wurden bei der Beschreibung der Begegnung mit einer hübschen jungen Dame, bei der Schilderung einer rasanten Autofahrt und bei der Ankündigung eines neuen Hollywood-Films beobachtet. Die Infektion scheint äusserst ansteckend zu sein und kann sich durch ihre kurze Inkubationszeit sehr schnell verbreiten.

Besonders gefährlich wird sie dadurch, dass die Befallenen keinerlei Beschwerden empfinden, sondern im Gegenteil das Gefühl haben, ungeheuer sprachgewandt, up to date und in zu sein. Manche Opfer der Seuche beschreiben sogar ihren eigenen Zustand bei der Verwendung des Klischees als „Gänsehaut pur“ (sogenannte potenzierte Infektion). Bei diesen Patienten dürfte jede sprachärztliche Hilfe zu spät kommen.

Fachleute befürchten, dass die Seuche aus Fernsehkommentaren und Zeitungsartikeln auch bald zu Buchtiteln und anderen literarischen Formen mutieren könnte und raten zu verstärkter sprachlicher Hygiene.

PS: Trotz ihres Namens ist die „Gänsehaut pur“-Seuche nicht mit der Vogelgrippe verwandt. Man hat noch nie eine Gans „Gänsehaut pur“ sagen hören.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 26. August 2012,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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