Glosse des Monats Juli

Die Sonne glühte, um eine Zeile zu füllen.
Kurt Tucholsky


Ach ja, verehrter Meister Tucholsky, ich weiss genau, was Sie meinen. Immer wieder stösst man in Romanen auf Sätze, die man auch Violinensätze nennen könnte, denn sie gehören gestrichen. Und sie würden (das Zitat wird Pearl S. Buck zugeschrieben) eine Lücke hinterlassen, die sie vollkommen ersetzt.

Und doch stehen sie da, und man fragt sich: Warum hat sie der Autor überhaupt hingeschrieben? War es wirklich seine Absicht, uns etwas mitzuteilen, das er nicht so genau weiss, und das wir nicht so genau wissen wollen? Oder ist ihm das Schreiben für einmal so flüssig von der Hand gegangen, dass hinterher auch etliches Überflüssige auf dem Papier stand? Oder war nur sein Lektor gerade in Urlaub?

„Zeilen schinden“ ist ein schöner Ausdruck. Wenn man einem toten Tier – es kann auch der Pegasus sein ‒ die Haut abzieht, dann schindet man es. Und so etwas Ähnliches tut man ja auch, wenn man einem eigentlich schon totgerittenen Gedanken noch eine allerletzte Formulierung aus den Rippen schneidet.

Der Duden führt unter dem Stichwort „schinden“ unter anderem auch diese Bedeutung auf: „Jemanden durch übermässige Beanspruchung seiner Leistungsfähigkeit quälen“. Das gilt auch für Texte. Und für deren Leser.

„Schinden“, kann aber, immer noch laut Duden, auch etwas ganz anderes bedeuten: „Sich mit etwas sehr abmühen.“ Und das, jeder Kollege wird es mir bestätigen, ist eine sehr präzise Beschreibung des Schreiberberufes. Manchmal plagt man sich mit einem Text so sehr ab, dass man vor lauter Dankbarkeit für eine endlich gefundene Formulierung gar nicht merkt, dass das vermeintliche Edelmetall nur Katzengold ist.

Und noch eine dritte Wortbedeutung von „schinden“ meldet der Duden: „Die Bezahlung von etwas umgehen.“ Schriftsteller bezahlen ihre Produkte nicht gerade mit Blut, Schweiss und Tränen, aber lange Arbeitsstunden und Kopfschmerzen werden schon in Rechnung gestellt. Wer sich vor dieser Bezahlung drückt und einfach die nächstbeste Formulierung aus dem Regal klaut, das ist dann eben ein Zeilenschinder.

Übrigens: Die einzig richtigen Verbformen dazu habe ich im Duden seltsamerweise nicht gefunden. Sie müssten so lauten: „Schinden, Schande, Schund“.

PS: Die Redaktion meldet mir eben, dass diese Glosse ein bisschen zu kurz ist. Kein Problem. Es ist Sommer, und die Sonne glüht.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 27. August 2017,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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