Glosse des Monats Juli

Wenn Köchinnen zusammenkommen, sprechen sie von ihrer Herrschaft, und wenn deutsche Schriftsteller zusammenkommen, sprechen sie von ihren Verlegern.
Heinrich Heine


„…also meiner, weisst du, meiner will immer wieder dasselbe gekocht haben. Bloss weil es bei den Gästen einmal gut angekommen ist. Verlangt immer das exakt gleiche Rezept von mir. Und dann wundert er sich, wenn es mir beim Kochen langweilig wird.“

„Ja, das kenne ich auch. Und wenn den Kunden der dritte Aufguss dann nicht schmeckt, machen sie einem Vorwürfe und sagen: ‚Man darf den Leuten eben nicht jedes Mal dasselbe servieren.‘“

„Sie wissen einfach nicht, was sie wollen.“

„Doch: möglichst viel Umsatz.“

„Das ist ja das Schlimme: Zahlen können sie lesen, aber von wahrer Kochkunst haben sie keine Ahnung.“

„Sonst würden sie sich ja selber an den Herd stellen. Aber ein Eunuch weiss eben auch nur theoretisch, wie man Kinder zeugt.“

„Höhöhöhö.“

„Lacht nicht so laut, um Himmelswillen! Wenn sie uns hören, schmeissen sie uns raus. Und wenn man schon endlich einmal eine Herrschaft gefunden hat…“

„Ach was, sie brauchen uns mehr als wir sie. Was wollen sie den Leuten denn servieren, ohne uns? Bei den unverlangt eingesandten Kostproben ist doch nie etwas Essbares dabei.“

„Wenn sie wenigstens dankbar dafür wären, dass wir in ihrer Küche stehen! Aber wenn ein Gericht einmal so gut ankommt, dass man es kaum schafft, all die bestellten Portionen rechtzeitig auszuliefern, dann glauben sie doch tatsächlich, sie seien selber an dem Erfolg schuld.“

„Klar. Die Leute gehen ja auch wegen dem Klavierstimmer ins Konzert.“

„Wegen des Klavierstimmers.“

„Jetzt fang nicht auch noch an wie meine Herrschaft!“

„Meiner meint doch tatsächlich, meine letzte Kreation sei nur deshalb so erfolgreich geworden, weil er so viel Werbung, dafür gemacht habe!“

„Sie überschätzen sich total. Meinen alles besser zu wissen als wir Kochkünstler.“

„Ich habe eine tolle Methode, damit mir meiner nicht reinredet: Ich schlage für eine neue Kreation immer einen völlig unmöglichen Namen vor. Dann ist er ein paar Wochen lang so damit beschäftigt, mir den auszureden, dass er gar nicht mehr dazu kommt, sich bei den Zutaten einzumischen.“

„Aber wisst ihr, wer noch viel lästiger ist als alle Herrschaften zusammen?“

Alle, im Chor: „Die Gastrokritiker!“

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 27. August 2016,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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