Glosse des Monats Juli/August

Die Kunst des Lesens ist die Fähigkeit, Seiten zu überblättern, auf denen man nichts versäumt.
William Butler Yeats


Amazon, dieser Lord Voldemort des Buchhandels, hat auch ein „All you can read“-Pro­gramm, bei dem man sich für eine fixe monatliche Gebühr so viele Bücher auf seinen Kindle laden kann, wie man will. Jeder, den ein böses Schicksal jemals an ein „All you can eat“-Buffet verschlagen hat, weiss, wie sich das auswirkt: Die Leute packen sich ihre Teller bis an den Rand mit Essen voll, probieren von allem ein bisschen und lassen dann die Hälfte stehen. Auf die Lektüre bezogen: Sie laden viel mehr Bücher aus dem Netz herunter, als sie dann auch tatsächlich lesen.

Bis jetzt wurden die Autoren, deren Werke auf diesem elektronischen Buffet angeboten werden, danach bezahlt, wie oft ein Buch heruntergeladen wurde. Jetzt führt Amazon ein neues System ein: die Bezahlung nach gelesener Seite.

Denn so ein Kindle kontrolliert einen beim Lesen permanent, und Amazon weiss ganz exakt Bescheid darüber, ob seine Kunden auch brav alle Seiten aufrufen oder einfach mal ein Kapitel überspringen.

Die üblichen Empörten haben sich auch über diese neue Drehung an der Kommerzialisierungsschraube pflichtgemäss empört, aber das eigentliche Unheil, das den Kindle-Lesern damit droht, haben sie alle nicht erkannt: Wenn Amazon weiss, welche Seiten ich in einem Buch überblättert habe, dann wird es nicht lange dauern, bis es auch der Autor erfährt.

Und dann wird früher oder später ein wütender Kollege vor meiner Türe stehen und mit vorwurfsvoller Miene wissen wollen: „Was, zum Teufel, hat Ihnen an Seite 87 bis 104 nicht gefallen?“

Und ich muss ihm dann erklären, dass ich leider für endlose Landschaftsbeschreibungen wenig übrig habe, dass ich seine Dialoge langfädig fand, oder dass ich hoffte, irgendwann würde der philosophische Exkurs zu Ende sein und die Handlung wieder weitergehen. Vielleicht habe ich auch gerade meinen ehrlichen Tag und sage ihm, dass ich sein Buch schlicht und einfach langweilig fand, und schon geht der Kollege auf mich los schlägt mich k.o.

Noch schlimmer: Ich kann noch nicht einmal mehr aufschneiden und behaupten, ich hätte sämtliche Bände Knaus­gaard von A bis Z gelesen, denn irgendwann werde ich dann in den unsozialen Netzwerken unweigerlich als Hoch­stapler entlarvt.

Und das alles nur, weil Amazon alles über die Lesegewohnheiten seiner Kunden weiss. Zum Glück (psst, nicht weitersagen!) gibt es Bücher auch aus Papier.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 30. August 2015,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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