Glosse des Monats Juli/August

Wenn ich einen Roman beendet habe, komme ich mir vor wie ein Haus, nachdem die Möbelpacker den Konzertflügel hinausgetragen haben.
Vladimir Nabokov


Das Haus ist leer.

Auf dem Parkett – vielleicht ist es auch Linoleum, denn es gibt Linoleum- und Parkettbücher –, auf dem Boden, den man einmal mit so viel Mühe gelegt hat, sind dort, wo all die Jahre der schwere Flügel stand, nur noch die Dellen zu sehen, und man weiss: Die werden zurückbleiben, auch wenn man einen Teppich darüber legt und das Haus ganz neu einrichtet, für eine neue Geschichte. ‚Da war doch diese eine Saite‘, erinnert man sich, ‚die habe ich nie ganz sauber stimmen können, so oft ich es auch versuchte‘. Und man ärgert sich und denkt: ‚Ich hätte es noch einmal probieren müssen, vielleicht hätte ich es doch noch hingekriegt.“ Aber es ist zu spät. Der Flügel ist nicht mehr da, und man fragt sich: ‚Wenn jetzt ein anderer darauf spielt – wird er den unsauberen Ton bemerken?‘

Das Haus ist leer.

Es riecht noch ein bisschen nach den alten Bewohnern, aber auch das wird nicht mehr lang so sein. Auf der Tapete, die man damals mit so viel Sorgfalt ausgesucht hat, erinnern nur noch helle Flecken an die Bilder, die dort hingen, die Vorfahren und Vorbilder der ausgezogenen Bewohner, und manchmal auch ein Spiegel, in dem sie sich ganz anders gesehen haben, als sie in Wirklichkeit waren. Aber jetzt wohnt niemand mehr hier, sie sind weggefahren mit ihrem Konzertflügel und all den anderen Einrichtungsgegenständen, und haben auch die Noten mitgenommen, nach denen sie so lang musiziert haben. Irgendwann, das weiss man aus Erfahrung, wird man die kahlen Wände neu tapezieren, aber noch kann man es sich nicht vorstellen.

Das Haus ist leer.

Manchmal, mitten in der Nacht, hört man ein Geräusch, und dann schreckt man aus dem Schlaf und denkt, sie wären wieder da, man könne das Gespräch doch noch fortsetzen, das aufgehört hat ohne wirklich zu Ende zu sein. Aber dann ist es nur ein Ideenvogel, der sich verflogen hat und sich den Kopf an den Wänden wundschlägt. Bis er dann endlich einen Ausgang findet und davonflattert, vielleicht für immer.

Und die Leute fragen einen: „Wer wird denn als nächstes bei Ihnen einziehen?“ Man weiss keine Antwort, denn man kann es sich nicht vorstellen, dass man das Haus jemals wieder neu einrichten könnte, für andere Bewohner.

Die dann auch, manchmal nach vielen Jahren, wieder ausziehen und ihren Konzertflügel mitnehmen.

Das Haus ist leer.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 31. August 2014,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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