Glosse des Monats Juli

Jede Widerstandsgeste ohne Risiko ist nichts als Geltungssucht.
Stefan Zweig


Manchmal frage ich mich, was ich eigentlich von Beruf bin: Schreiber oder Unterschreiber? Immer öfter werde ich gebeten, meinen Namen unter irgendeinen Aufruf, eine Petition oder einen öffentlichen Protest zu setzen. Ich folge diesen Einladungen sehr sparsam, weil ich der Meinung bin, dass man sich mit seinem Namen nur für Dinge einsetzen sollte, mit denen man sich tatsächlich befasst hat, und die einem ein wirkliches Anliegen sind.

Nicht alle meine Kollegen scheinen diese Auffassung zu teilen. Manche Namen trifft man auf solchen Listen so oft an, dass man sich fragt, wann diese Leute noch dazu kommen, Bücher zu schreiben, wo sie sich doch vierundzwanzig Stunden am Tag mit allen Problemen der Menschheit befassen müssen.

Denn man will doch nicht so mis­an­thro­pisch sein und ihnen unterstellen, sie solidarisierten sich öffentlich mit Anliegen, deren Hintergründe sie gar nicht so genau kennten.

Oder sollte, wie Stefan Zweig behauptet, doch die Eitelkeit dabei eine Rolle spielen? Dann wäre so eine Unterschrift auch nicht viel anderes als die Louis-Vuitton-Tasche, mit deren Kauf sich manche Leute den Nimbus einer Modeikone zu erwerben hoffen. Nein, sich per Unterschrift über die Missstände in einem Land zu empören, das man ohne Google Maps nicht einmal auf der Landkarte finden würde, macht einen nicht zum politisch bewussten Menschen, sondern kennzeichnet einen nur als Adabei – um ein wunderschönes österreichisches Wort zu verwenden ‒, als jemanden, der auch dabei sein will. Weil es doch so schön ist, seinen Namen in repräsentativer Gesellschaft in der Zeitung zu lesen.

Warum werden gerade Schriftsteller so oft darum gebeten, ihren Namen auf solche Listen zu setzen? Ich vermute, es liegt an dem weitverbreiteten Missverständnis, das Mitglieder der schreibenden Zunft nur schon deshalb etwas zu sagen hätten, weil sie mit Worten umgehen können. Aber wir Schreiber sind – mit wenigen bewundernswerten Ausnahmen – nicht klüger andere Leute. Wir können unsere Stammtischweisheiten nur besser formulieren.

Aber man soll in solchen Dingen auch nicht stur sein. Eine Petition gegen das blinde Unterschreiben von Petitionen würde ich sofort unterschreiben.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 24. Juni 2018,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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