Glosse des Monats Juni

Das Grauenvolle – das ist das, was zugleich lockt und schreckt.
Henrik Ibsen


Der amerikanische Komiker Scott Rogowsky hat sich einen interessanten literarischen Spass gemacht: Er versah Bücher mit gefälschten Titelblättern und setzte sich – scheinbar eifrig lesend ‒ mit ihnen in die U-Bahn. Und zwar so, dass seine Mitpassagiere gut erkennen konnten, welche Lektüre ihr Gegenüber da so faszinierte.

Das Ergebnis des Experiments: Rogowsky hatte auch in der wildesten Stosszeit immer eine Menge Platz für sich. Weil niemand einem Mann, der so schreckliche Bücher las, allzu nahe kommen wollte.

Er hatte sich aber auch wirklich hübsch abstossende Titel ausgedacht. „Wie man einen Furz zurückhält“ hiess eines der Bücher, und ein anderes: „101 Penis-Verlängerungs-Übungen für unterwegs“. Auch „Unbestraft Morden für Dummies“ erwies sich als äusserst wirkungsvoll. Mein persönlicher Absurditäts-Favorit war ein Buchumschlag, der Adolf Hitler mit einer fröhlichen roten Gumminase zeigte. Und darüber verkündete ein knallbunter Schriftzug: „‘Mein Kampf‘ für Kinder – mit einem Vorwort von Roald Dahl.“

Ein hübscher Einfall, fürwahr. (Das „fürwahr“ steht hier nur, weil ich schon lang nach einer Gelegenheit suche, dieses so wunder­schön altmodische Wort in einen Text einzubauen.) Nur mit ein paar Buchumschlägen verwandelte Scott Rogowsky die U-Bahn zwischen Brooklyn und Times Square in eine literarische Geisterbahn.

Ich meine: Was die Amerikaner können, können wir Schweizer schon lang. Und schlage Ihnen deshalb ein Spiel vor, mit dem sich die sonntägliche Brunch-Runde vergnüglich verlängern lässt. Indem sich nämlich rund um den Tisch jeder die Frage stellt: Mit welchem Buchtitel liessen sich Mitreisende in der SBB oder im Tram am besten schocken?

Wäre es „Warum ich immer Recht habe“ von Roger Köppel? Oder doch eher „Grundkurs für Redner“ von Bundesrat Schneider-Ammann? (Obwohl das als Hörbuch noch mehr Schrecken erregen würde.) Oder vielleicht einfach „Hundert schönste Steuererklärungen?“

Lassen Sie bei Gipfeli und Kaffee Ihrer Phantasie freien Lauf! Sie sind ja nicht verpflichtet, sich mit Ihrem Horrortitel auch wirklich in den Schnellzug nach Bern zu setzen.

Ausserdem: Im Schnellzug nach Bern sitzen meistens Politiker. Und die sind sowieso durch nichts mehr zu schockieren.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 25. Juni 2017,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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