Glosse des Monats Juni

Manche Bücher muss man probieren, andere verschlingen, und einige wenige muss man kauen und verdauen.
Francis Bacon


Lies nicht so gierig! Wenn du dir schon Fast-Food-Romane reinziehen musst, solltest du sie wenigstens nicht am Stück runterschlingen. Das ist nicht gut für die geistige Verdauung. Wenn dir mitten in einer gepflegten Unterhaltung der Inhalt wieder aufstösst, wer muss sich dann schämen? Wir! Die Leute müssen ja denken, bei uns zuhause käme überhaupt nie ein anständiges Buch auf den Tisch.

Warum nimmst du dir nicht ein Vorbild an deinen Eltern? So ein Robert Walser, in winzigen Portionen genossen… „Der Gehülfe“ zum Beispiel. Nein, nicht Gehilfe! Gehülfe. Das ist eben die ganz feine Würzung. Das muss man sich auf der linken Gehirnhälfte zergehen lassen. Aber du…

Was sagst du? Davon wird man nicht satt? Literatur ist nicht zum Sattmachen da! Sonst wäre Karl May der grösste Dichter, den es je gegeben hat. Weisst du, was man von solchen Büchern bekommt? Gehirn­ver­stopfung! Und verfettete Bücherregale von all den Erzähl-Kalorien!

Nein, ich rege mich nicht auf. Ich bin nur enttäuscht von dir. Dich kann man ja nicht mal in eine bessere Bibliothek mitnehmen, ohne dass du einen blamierst. Beim letzten Mal hast du allen Ernstes gefragt, was E.T.A. Hoffmann ausser dem „Jedermann“ noch geschrieben habe. Deine Mutter war einer Ohnmacht nahe. Unser Sohn und kennt noch nicht mal den Unterschied zwischen Hoffmann und Hofmannsthal. Zum Glück hatte ich das Fläschchen mit den Hoffmannstropfen dabei.

Und warum musst du immer genau dann dringend Aufgaben machen, wenn wir uns am Fernsehen den „Literaturclub“ ansehen? Die Sendung, in der die angesagten Literatur-Rezepte besprochen werden.

Was soll das heissen: „Die Leute, die dort auftreten, können selber gar nicht kochen“? Seit wann muss man kochen können, um kluge Dinge übers Essen zu sagen? Ein Ballettkritiker geht auch nicht im Tutu ins Theater!

Aber weisst du, was deine schlechteste Angewohnheit ist? Dass du auf einem E-Book liest! Wo man noch nicht mal weiß, wo man sein Exlibris einkleben soll. Wenn Gott gewollt hätte, dass wir E-Bücher lesen, hätte er die Fadenheftung nicht erschaffen.

Wir verlangen ja nicht, dass du Romane von Murakami mit Stäbchen isst, oder dir deinen Bashevis Singer nur im koscheren Restaurant bestellst – aber ein bisschen Stil sollte schon sein.

Merk dir das endlich, mein Sohn: Ein zivilisierter Mensch liest nicht einfach nur zum Vergnügen!

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 28. Juni 2015,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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