Glosse des Monats Juni

Um Tolstoi abzuwandeln: Die glücklichen Leser sind auf ganz verschiedene Weise glücklich, aber die unglücklichen Leser, so scheint es, sind alle in derselben Weise unglücklich.
John le Carré


Ach, Herr Doktor, es geht mir heute wieder so schlecht.

Ich weiss, ich sollte die Diagnose Ihnen überlassen, aber ich bin ganz sicher, es ist diese postlektorale Depression. Es ging mir gut, bis ich dieses Buch gelesen habe, und seither…

Könnte ich bitte ein Kleenex haben? Danke. Sie müssen schon entschuldigen, aber es gibt nun mal Bücher, die sind einfach zum Heulen.

„Dann lesen Sie doch einfach nicht!“ Sie haben gut reden. Ein Mensch, der keine Bücher liest und das auch noch zugibt, so ein Mensch ist für seine Umwelt so lästig wie ein aggressiver Vegetarier an einer Grillparty. In meinen Kreisen muss man die neusten Neuerscheinungen kennen, sonst ist man gesellschaftlich erledigt. Da kann man gleich braune Schuhe zum Smoking anziehen oder zugeben, dass man sich in einer Marthaler-Inszenierung gelangweilt hat. Und ich lese ja auch gern. Immer noch. Nur hinterher bin ich dann meistens so unglücklich.

Noch ein Kleenex, bitte.

Meine Eltern? Was haben meine Eltern…? Ah, Sie meinen: Von wegen frühkindlichem literarischem Trauma?

Globi-Bücher vor allem. Die durfte ich nach dem Lesen dann immer ausmalen. Ich glaube, es gibt eine Menge Bücher, die man besser vertragen würde, wenn man sie nur ausmalen dürfte, statt sie lesen zu müssen.

Nein, Sie haben natürlich Recht. Es ist nicht nach jedem Buch so. Letzthin habe ich einen Krimi gelesen, da ging es mir hinterher blendend. Wirklich. Stellen Sie sich vor: Der Mörder hatte die Leiche in der Tiefkühltruhe… Da muss man erst einmal darauf kommen.

Dann soll ich halt mehr Krimis lesen? Ich lese keine Krimis, Herr Doktor. Höchstens „Der Name der Rose“. Diesen einen auch nur rein zufällig, weil ihn jemand im Zug hatte liegen lassen. Das ist doch keine Literatur! Oder haben Sie schon einmal gehört, dass man im „Literaturclub“ über Kriminalromane…? Über Heidegger redet man da.

Ja, natürlich, die „Schwarzen Hefte“ habe ich auch gelesen. Und war hinterher wieder total… Gibt es da wirklich kein Mittel dagegen?

Sie haben eins? Das wäre wunderbar. Aber sagen Sie jetzt nicht: „Einfach nicht lesen.“ Zumindest über die Bücher aus dem „Literaturclub“ will ich mitreden können.

Die Heidenreich-Methode? Nein, die kenne ich nicht. Wie geht die?

Man kann auch aus Büchern zitieren, die man nicht gelesen hat?

Herr Doktor, Sie sind ein Genie!

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 29. Juni 2014,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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