Glosse des Monats Juni 2013

- Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe Unterschied wie zwischen einem Blitz und einem Glühwürmchen.

Mark Twain


Jeder Autor kennt die Situation: Man weiss ganz genau, was man sagen will, aber man findet einfach nicht das exakt richtige Wort dafür. Die einen kaufen sich dann das Grimm­sche Wörterbuch, die anderen machen es so wie ich und stöbern im Internet. Wo man dann meistens auf ganz andere Dinge stösst als man gesucht hat.

Wie zum Beispiel auf eine Liste von Wörtern, von denen der Listenaufsteller behauptet, dass sie nur in einer Sprache existieren und in allen anderen vollständig fehlen. Obwohl sie doch Dinge bezeichnen, die dringend (oder, zugegeben, auch weniger dringend) formuliert werden müssen.

Da ist zum Beispiel der äusserst nützliche japanische Begriff Age-otori, mit der Bedeutung Nach dem Besuch beim Friseur schlimmer aussehen als vorher. Wer hat noch nie beim Blick in den Spiegel nach genau dieser prägnanten Formulierung gesucht?

Und wie haben wir bloss ohne das bei einem kleinen Völkerstamm auf Tierra del Fuego übliche Wort Mamihlapinatapai gelebt? Es bezeichnet den Blickwechsel zwischen zwei Menschen, in dem sich eine unausgesprochene gegenseitige Begierde ausdrückt. Ein äusserst nützliches Wort, scheint mir, nur schon wegen seiner Länge. Bis man Mamihla­pinatapai zu Ende gesagt hat, ist die Begierde wahrscheinlich schon längst wieder verflogen und man gerät nicht in Gefahr, Dummheiten zu machen.

Sehr viel alltagstauglicher ist da ein Wort von der Osterinsel. Kurz und bündig fasst es ein Verhalten zusammen, das auch bei uns schon manche nachbarschaftliche Beziehung vergiftet hat. Tingo heisst das Wort und bedeutet: Von seinem Nachbarn einen Gegenstand nach dem anderen ausleihen, bis in dessen Haus nichts mehr übrig ist. Für die meisten Menschen weniger täglich verwendbar dürfte das gälische Sgriob sein, dessen Definition lautet: Das Jucken an der Oberlippe bevor man den ersten Schluck Whisky nimmt. Ich muss gestehen, dass ich dieses Jucken selber noch nie empfunden habe, aber ich trinke auch Bourbon, und das authentische Sgriob stellt sich wahrscheinlich nur bei Single Malts ein.

Auch drei deutsche Worte, für die es in anderen Sprachen keine Entsprechung gäbe, fand ich auf der Liste. Sie lauteten: Waldeinsamkeit, Schadenfreude und Backpfeifen­gesicht. Ich bin mir nicht ganz sicher, was das über uns aussagt.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 30. Juni 2013,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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