Glosse des Monats Juni 2012

Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.
Wilhelm Busch


Adolph Sax ist schuld. Hätte er vor hundertsiebzig Jahren nicht die Militärmusik um ein besonders lautstarkes Instrument bereichern wollen und zu diesem Zweck das Saxophon erfunden, würde heute kein Veranstalter auf die Idee kommen, literarische Lesungen durch einen Saxophonisten bereichern zu lassen.

Bereichern? Habe ich eben bereichern geschrieben? Zutröten, wollte ich schreiben. In Stücke blasen, wollte ich schreiben. In Grund und Boden jaulen.

Denn Saxophonisten, vor allem wenn sie als Einzelkämpfer auftreten, sind erbarmungslose Gesellen. Wenn sie einmal losgelegt haben, kennen sie kein Erbarmen. Da können die wehrlosen Zuhörer noch so verzweifelt die weisse Fahne schwenken und um Gnade flehen. Wenn so einer einmal sein Rohrblatt angefeuchtet hat, nützt er es schamlos aus, dass Ohren keine Lider haben. Und es ist ihm völlig egal, dass seine Opfer eigentlich zu einer Lesung gehen wollten.

Pech gehabt. Jetzt ist erst mal der Saxophonist dran. (Oder die Saxophonistin. Ich habe auch schon unter der weiblichen Variante gelitten.)

Der Fairness halber: Es ist nicht immer ein Saxophon, das die Veranstalter aufs Podium schicken. Aber meistens. Ich weiss auch nicht warum. Vielleicht weil Bill Clinton dasselbe Instrument spielt. Aber mit dem hatten ja auch schon andere Leute meines Namens Probleme.

Bevor mir jetzt die Musikliebhaber unter den „Bücher am Sonntag“-Lesern böse Mails schicken: Eigentlich mag ich ja Saxophon-Musik. Cannonball Adderley war neben Coleman Hawkins eines meiner ersten Jazz-Idole. Aber wenn ich eine Lesung habe – danke, nein. Ich mag auch kein Marzipan zum Cervelat vom Grill.

Liebe, hoch verehrte Veranstalter! Eine Lesung ist eine Lesung ist eine Lesung, so wie eine Rose eine Rose eine Rose ist. Kein Podium für musikalische Selbstverwirklichungsakrobaten. Es macht den Abend nicht schöner, runder oder kultureller, wenn da auch noch einer seine teure Selmer aus dem Instrumentenkoffer holt. Mich mit Tönen berieseln lassen kann ich auch in der Warteschlaufe jeder Helpline. Also laden Sie zu meiner nächsten Lesung bitte keinen Saxophonisten ein. Keinen Sologeiger und keinen Triangelspieler. Und – auch wenn ich aus „Melnitz“ lesen sollte – bitte, bitte keine Klezmer-Band.

Als Gegenleistung verpflichte ich mich hoch und heilig, beim nächsten Klavierkonzert keine Kurzgeschichte vorzulesen. Grosses Schriftsteller-Ehrenwort.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 24. Juni 2012,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

Glossen Archiv


Letzte Aktualisierung: September 2010
© Copyright 2006 Charles Lewinsky, alle Rechte vorbehalten.