Glosse des Monats Mai

Worte sind wild, frei, unverantwortlich und nicht zu lehren. Natürlich kann man sie einfangen, einsortieren und sie in alphabetischer Reihenfolge in Wörterbücher stecken. Aber dort leben sie nicht.
Virginia Woolf


Liebe Frau Meier,

Sie heissen anders, aber ich will Sie mit dieser öffentlichen Antwort nicht ausstellen. Sie sind ja auch nicht die einzige, von der ich manchmal solche Post bekomme.

Sie haben mir geschrieben, weil sie ein Wort in einem Buch von mir so unerträglich fanden, dass Sie gar nicht mehr weiterlesen konnten. „Ich musste“, hiess es in Ihrem Brief, „nachdem ich diesen Satz gelesen habe, erstmal schlucken und das Buch weglegen.“

Um welchen Satz ging es dabei? In „Melnitz“ gehen zwei Frauen im Jahre 1937 in ein Variété. Und was steht dort für ein Orchester auf der Bühne? „Zwölf Mann in Glitzerjacketts, drei Saxo­phone, und am Schlag­zeug ein Neger mit einem breiten weißen Grinsen.“ Es waren nicht die Glitzer­jacketts, die Sie gestört haben und auch nicht die Saxophone. Es war der Neger. Man dürfe dieses Wort, schreiben Sie, „nicht mehr als Beschreibung schwarzer Menschen gebrauchen.“

Welches Wort hätte ich Ihrer Meinung nach sonst verwenden sollen – in einer Szene, die in den dreissiger Jahren spielt? Der „Afroamerikaner“ war damals noch nicht erfunden. Hätte ich also „dunkelhäutig“ schreiben müssen? Oder, wie Sie das tun: „schwarzer Mensch“? Das würde von mehr Feingefühl als Sprach­gefühl zeugen.

Und hätte ich, um Ihre Kritik logisch weiterzuspinnen, in diesem Roman über eine jüdische Familie in der Schweiz dann nicht auch das Wort „Jude“ vermeiden sollen? Wäre es nicht besser gewesen, wenn ich den Viehhändler Salomon Meijer als „Sohn jüdischer Eltern“ bezeichnet hätte, so wie es manche Journalisten in vorauseilendem Gehorsam tun? (Mir fallen nur zwei Persönlichkeiten ein, bei denen diese Formulierung Sinn gemacht hätte. Der eine war der katholische Kardinal Lustiger. Der andere hiess Jesus Christus.)

Nein, liebe Frau Meier, man macht die Welt nicht besser, in dem man sie umformuliert. Unsere feinsinnige politische Korrektheit mit in ihrem krampfhaften Bemühen, belastete Worte zu vermeiden, ist oft nur lächerlich. So lächerlich wie die „Unaussprechlichen“, wie hochmoralische viktorianische Damen ganz gewöhnliche Hosen bezeichneten.

Habe ich Sie jetzt verletzt? Das war nicht der Zweck dieser Zeilen. Aber wenn es so sein sollte, kann ich mir nicht verkneifen, Ihnen zu raten: Trösten Sie sich doch mit einem Mohrenkopf. Oder, wenn Ihnen das lieber ist, mit einer Süss­speise mit Migrationshintergrund.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 29. Mai 2016,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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