Glosse des Monats Mai

Intelligente Fehler zu machen, ist eine große Kunst.
Federico Fellini


Die Grammatik hat ihre strengen Regeln, und die Orthographie regiert mit dem katholischen Anspruch allgemeiner Gültigkeit. (Was heute nicht mehr ganz funktioniert, weil sie zu oft reformiert wurde.) Was so nicht im Duden steht, wird von jedem Korrektor erbarmungslos ausgemerzt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Und dabei sind es doch oft die scheinbaren Fehler, die unserer Sprache Glanzlichter aufsetzen. Vorausgesetzt sie werden von jemandem begangen, der die Sprache wirklich beherrscht. Wer nicht perfekt reiten kann, tut besser daran. sich nicht ans Voltigieren zu wagen.

Kurt Tucholsky zum Beispiel wusste sehr wohl, dass man nur Adjektive steigern kann aber keine Pronomina. Und doch kennzeichnete er einen aufgeblasenen Unteroffizier auf den Punkt genau mit der grammatikalisch total falschen Formulierung: „Je lauter er schrie, desto niemander kam.“

Worauf mein Deutschlehrer am Gymnasium, der ein strenger Mann war und Regeln um ihrer selbst willen liebte, gesagt haben würde: „Setzen, Tucholsky. Note drei.“

Noch so ein Problemschüler ist Wilhelm Busch, der als Dichter immer unterschätzt wird, weil er als Zeichner so brillant war. Er gab einmal dem Verb „anbeten“ eine völlig falsche Bedeutung, indem er es unorthodoxer Weise eine Fortbewegungsart bezeichnen liess. Aber kann man frömmelnde Pilger genauer kennzeichnen als es in diesen Versen aus der „Frommen Helene“ geschieht?

„Doch die Erzgebruderschaft

Nebst den Jungfern tugendhaft,

Die sich etwas sehr verspätet,

Kommen jetzt erst angebetet.“

Busch, Wilhelm, so geht das nicht.

Wenn wir schon bei den falsch und gerade deshalb richtig verwendeten Verben sind, hier noch ein Beispiel aus „Annebäbi Jowäger“: „Der Vikari“, schreibt Gotthelf da, „schmiss sich schmetternd aus der Türe.“

Ich bin sicher, mein Professor, der hier namenlos bleiben soll, hätte dem Schüler Bitzius diesen Satz dick unterstrichen und am Rand mit vorwurfsvollem Rotstift angemerkt: „Deutsch!!!“

Aber eben: In den Händen eines wirklichen Könners wird auch falsches Deutsch zu richtigem Deutsch. Da macht die Sprache die verwegensten Kunststücke, ohne dabei vom hohen Seil zu fallen.

Manche mögen das nicht. Aber wer der Meinung ist, dass man beim Schreiben lechts und rinks niemals velwechsern dürfe, der soll eben nicht Ernst Jandl lesen.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 31. Mai 2015,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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