Glosse des Monats Mai

Ich hatte früher mal den Grössenwahn, bis ich an ein Variété kam, wo ein dressierter Affe besser gefiel als ich.
Otto Reutter


Auch die Literatur kennt ihre dressierten Affen. Sie beherrschen meist nur ein einziges Kunststück und führen das unter dem Applaus des Publikums immer wieder vor. Schlagen in jeder Vorstellung den gleichen Salto, machen den gleichen Handstand oder stopfen sich die gleiche Banane quer in den Mund. Mit anderen Worten; Sie schreiben immer wieder das gleiche Buch.

Es gibt diese literarischen Variétéartisten nicht nur als Verfasser von Groschenheften, in denen der immer gleiche Chefarzt die immer gleiche Krankenschwester unter dem immer gleichen Fliederbusch küsst. Nein, sie blasen ihre Zirkustrompeten auch in durchaus ernsthaften Genres.

Da gibt es zum Beispiel den Empörungs-Schimpansen, der Jahr für Jahr einen neuen Missstand unserer Gesellschaft aufdeckt und dem verehrten Leser unter heftigem Weltverbesserungsgetrommle mitteilt, dass es nur aus einem Punkte zu kurieren sei. Wobei dieser Punkt nicht halb so wichtig ist, wie das angenehme Gefühl, dass die Lektüre jedes Mal wieder vermittelt: Wer dieses Buch liest (und das nächste und das übernächste), der hat etwas für die Verbesserung der Welt getan, ohne sie wirklich verändern zu müssen.

Es gibt den Esoterik-Gibbon, der sich mit langen Armen durch den Klischee-Urwald hangelt, um dort exotische Worthülsenfrüchte zu pflücken und daraus den marktgängigen Buddhismus-Aufguss zu destillieren, einmal rosa und dann wieder himmelblau, so dass der geneigte Leser nicht merkt, dass hier immer das gleiche Süppchen gekocht wird.

Der Kapuzineraffe – oft ist es eine Kapuzineräffin – flicht aus den Lianen des Urwalds kunstvolle Verwicklungen und lässt Verliebte sich darin verfangen, bis die beiden schließlich, während die Sonne hinter dem Affenbrotbaum langsam im Meer versinkt, auf die allerletzte Kokosnuss doch noch miteinander glücklich werden.

Und so weiter quer durch Brehms Tierleben,

Jeder dieser Affen hat sein eigenes Kunststück. Und jeder hat seine treuen Kunden, die sich im Literaturvariété nur ansehen wollen, was sie sich schon einmal angesehen haben. Da weiß man doch, was man hat. Und mit den Programmheften füllen sie dann zuhause ihre Bücherregale…

Ich sehe nur ein einziges Problem: In jeder Vorstellung das gleiche Kunststück – das muss doch furchtbar eintönig sein für die armen Viecher. Warum unternimmt der Tierschutzverein da nichts?

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 25. Mai 2014,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

Glossen Archiv


Letzte Aktualisierung: September 2010
© Copyright 2006 Charles Lewinsky, alle Rechte vorbehalten.