Glosse des Monats April

Schreiben ist nicht unbedingt etwas, dessen man sich schämen muss. Aber tu es, wenn du allein bist, und wasch dir nachher die Hände.
Robert Heinlein


Hör zu, mein Sohn, deine Mutter und ich finden, dass du jetzt in dem Alter bist, wo wir… Wo wir das Gespräch führen sollten, das auch mein Vater mit mir geführt hat, damals, als ich… Es ist nichts, dass einem peinlich sein müsste, aber…
Setz dich doch, mein Sohn.
Nein, es hat nichts mit Sex zu tun. Da wirst du dich ja auskennen, mit dem Internet und allem. Besser als ich vielleicht, hahaha.
Es geht um etwas Anderes, etwas, mit dem fast jeder Mensch einmal im Leben… Ich auch. Du wirst es nicht glauben, aber selbst dein Vater hat in deinem Alter… Sogar Gedichte.
Ja, davon rede ich. Ich finde es wichtig, dass du weisst… dass dir klar ist… dass wir einmal darüber geredet haben.
Nein, mein Sohn, ich bin noch nicht fertig. Deine Mutter hat in deinem Zimmer Spuren gefunden… Wie soll ich sagen? Spuren halt.
Handschriftliche.
Das ist nichts Schlimmes, überhaupt nicht. Fast jeder Mensch hat schon… Sogar ganz berühmte Leute.
Aber es war doch ein Schock für deine Mutter, dass sie so plötzlich… Es war halt eine Überraschung für sie, dass du schon in dem Alter bist, wo man… Du weisst ja: Wenn es nach den Müttern ginge, dürften ihre Kinder überhaupt nie erwachsen werden, hahaha. Mach nicht so ein ernstes Gesicht. Es macht dir ja niemand einen Vorwurf. Es überfällt einen manchmal einfach, das weiss ich aus eigener Erfahrung, und dann schreibt man eben.
Du musst überhaupt nicht rot werden. Das ist kein unanständiges Wort. Es wäre natürlich besser, wenn es eine lateinische Bezeichnung dafür gäbe, so wie bei… bei dieser anderen Sache. Aber „schreiben“ zu sagen ist völlig korrekt. Es ist sogar cool, wie ihr jungen Leute das nennt, hahaha.
Man kann auch „verfassen“ sagen oder „texten“. „Dichten“ würde ich nicht empfehlen, das ist mehr etwas für Mädchen.
Was ich dir sagen wollte, mein Sohn… was deine Mutter und ich dir sagen wollten: Es ist völlig in Ordnung, wenn du ab und zu schreibst. Nur nicht zu viel. Man wird nicht krank davon, wie manche Leute sagen, aber es lenkt von wichtigeren Dingen ab. Vom Fußball zum Beispiel. Schreib also ruhig. Aber tu es, wenn du allein bist, und wasch dir nachher die Hände.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 29. April 2018,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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