Glosse des Monats April

Die Wirklichkeit ist eine miserable Romanautorin, weil sie weder auswählen, noch ordnen, noch dosieren kann; weil sie alle zufälligen Einfälle zulässt, ohne mit der Wimper zu zucken; weil sie sich alle Unwahrscheinlichkeiten weismachen lässt, sogar solche, die uns in einem Roman oder einem Film ausrufen liessen: „Also wirklich! Und das soll ich glauben?“
Javier Marías


Mit zunehmendem Alter bekommt man von jungen Kollegen immer häufiger Manuskripte vorgelegt, mit der Aufforderung, sich doch bitte kritisch dazu zu äussern. (Sie sagen immer „kritisch“, und meinen immer „lobend“.)

Und wenn man dann ganz vorsichtig anmerkt, das eine oder andere geschilderte Ereignis sei denn doch recht unwahrscheinlich, diese oder jene Koinzidenz allzu unglaubhaft, dann bekommt man regelmässig die immer gleiche Antwort: „Aber es ist wirklich so passiert.“

Ach, wenn es nur so einfach wäre!

Denn was wahr ist, ist in der Literatur noch lang nicht wahrscheinlich, und was wirklich ist, noch lang nicht wirkungsvoll.

Ernest Hemingway hatte völlig Recht, als er sagte: „Allen guten Büchern ist eines gemeinsam: Sie sind wahrer, als wenn sie wirklich passiert wären.“ Gullivers Reise nach Liliput ist wahrer als jeder Bericht vom letzten Sommerurlaub an der asturischen Küste. Auch wenn der Wirt in der Cervecería tatsächlich nur ein Bein hatte und trotzdem nach der dritten Flasche Tempranillo den Flamenco tanzte.

Gähn.

Dass ein Ereignis exakt so abgelaufen ist, wie es jetzt auf dem Papier steht, nichts weggelassen und nichts hinzugefügt ‒ das eignet sich noch lang nicht zum Freipass bei der kritischen Beurteilung. Die Wirklichkeit ist kein Entschuldigungszettel für die Prüfung durch den Leser.

Wahr, liebe junge Kollegen, werden Geschichten erst, wenn wir sie für unser Buch zurechtgelogen haben. So wie wir es ja auch mit unseren Erinnerungen tun, die wir bei jedem Wiedererzählen ein bisschen in Form stutzen und zurechtschleifen, bis sie uns schliesslich selber so real erscheinen, wie es nur kunstvoll gepflegte Erfindungen sein können. Die Wirklichkeit kann da nicht mithalten.

Pablo Picassos Definition gilt auch für unseren Beruf: „Kunst ist die Lüge, die die Wahrheit enthüllt.“
(Natürlich gibt es auch eine Lüge, die das Gegenteil tut und die Wahrheit verhüllt. Man nennt sie Kitsch.)

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 30. April 2017,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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