Glosse des Monats April

Es wäre gut, Bücher zu kaufen, wenn man die Zeit, sie zu lesen, mitkaufen könnte.
Arthur Schopenhauer


Goethes sämtliche Werke? Ja natürlich, haben wir vorrätig. Zum Lesen oder zum ins Regal stellen? Doch, das macht preislich einen grossen Unterschied. Zumindest, wenn sie die Lesezeit gleich mitkaufen wollen. Beim so einem Klassiker geht das ganz schön ins Geld.

Ach so, ein Matura-Geschenk für Ihren Göttibuben! Da sind zehn Minuten Lesezeit für den ganzen Goethe mehr als genug. Er wird die Bücher sowieso bei E-Bay verhökern, und die Zeit braucht er nur, um die Gebrauchsanweisung für das Videogame zu studieren, das er sich von dem Geld kaufen wird.

Was sollen es denn für Minuten sein?

Nein, die sind nicht alle gleich. Den Goethe gibt es ja schliesslich auch nicht nur in einer Ausgabe. Wir haben ihn in Leder oder in Halbleinen oder als Taschenbuch. Ich zeig Ihnen gern mal unser Zeit-Sortiment.

Hier zum Beispiel, ein echtes Schweizer Produkt: originale Schneider-Ammann-Sekunden. Sehr sparsam im Verbrauch. Wenn sie die beim Lesen verwenden, kommt ihnen jede Minute vor wie eine halbe Stunde.

Oder hier, speziell für Klassikliebhaber, etwas ganz Exklusives: garantiert echte Altphilologen-Sekunden. Mit denen verstehen Sie plötzlich jedes griechische Zitat.

Oder unser Sonderangebot zum Frühling:

Jungmädchen-Sekun­den. Ideal für Romane, in denen rosarote Einhörner die Hauptrolle spielen. Obwohl, dazu würde ich Ihnen nicht raten. Die sind alle von Fünfzehnjährigen gewonnen, und als Nebenwirkung kann sich leicht mal Akne einstellen.

Dafür ist das hier etwas ganz Tolles! Vor allem bei Leuten sehr beliebt, die viel Eisenbahn fahren müssen: Legastheniker-Sekunden. Wenn Sie die verwenden, können Sie zum ersten Mal „20 Minuten“ lesen und tatsächlich zwanzig Minuten dafür brauchen.

Teuer? Kann ich nicht finden. Sie müssen bedenken, dass wir hier keine Billig­sekunden verkaufen, wie das manche Dis­coun­ter tun. Was den Kunden da manchmal für Schund angedreht wird, seit die Lesezeit-Preisbindung aufgehoben wurde! Massenware von dubiosen chinesischen Zwischenhändlern, und auf der Verpackung steht nicht einmal der Vorbesitzer vermerkt. Da kauft sich dann einer einen Band Heidegger und kriegt dazu Minuten geliefert, die sich höchstens für „Shades of Grey“ eignen würden.

Sie wollen es sich noch einmal überlegen? Gern. Aber brauchen Sie nicht zu viel Zeit dafür. Das kann ganz schön ins Geld gehen.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 24. April 2016,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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