Glosse des Monats April

Mit den Gedanken ist es wie mit den Melodien, es gibt die kurzen, geringen – und die langen, schönen; die besten aber sind wie Kugelblitze und enthalten die Welt im Ganzen.
Hugo von Hofmannsthal


Letzte Warnung:

Wenn mich noch einmal, und sei es nur ein einziges Mal, jemand fragt, wo ich denn meine Ideen hernehme, dann werde ich anfangen zu schreien. Wenn es jemand tut, der selber von Ideen lebt und es deshalb besser wissen müsste, werde ich sogar würgen. Und wenn es wieder mal ein Kulturjournalist ist, der mir die Frage stellt, werde ich ihm die Kehle aufschlitzen und mit seinem Blut die einzige Antwort an die Wand schreiben, die es auf diese Frage geben kann: Ich weiss es nicht.

ICH WEISS ES NICHT!

ICH WEISS ES NICHT!

Und ich bin sicher: Wenn ich dann wegen Mordes vor Gericht stehe, wird man mir mildernde Umstände zubilligen. „Als man ihm die Frage zum hundertsten Mal stellte“, wird mein Verteidiger sagen, „da ist er noch ganz friedlich geblieben. Beim fünfhundertsten Mal“, wird er sagen, „ist er schweigend aus dem Saal gegangen und hat erst auf der Strasse angefangen zu toben. Aber beim tausendsten Mal…“

Und der Richter wird verständnisvoll mit dem Kopf nicken. „Notwehr“, wird er sagen. „Die ganz natürliche Reaktion auf eine unerträgliche Provokation.“ Und dann wird er mich, damit dem Gesetz Genüge getan ist, zu einer Geldbusse von zwei Franken fünfzig verurteilen. Und die wird er mir erst noch leihen.

Denn wir wissen nun mal nicht, wo wir unsere Ideen her haben. Und noch schlimmer: Wir wollen es gar nicht wissen. Wir haben sogar Angst, uns nur Gedanken darüber zu machen. Es könnte sonst passieren, dass wir nie mehr welche haben. Ein Tausendfüssler darf auch nicht darüber nachdenken, in welcher Reihenfolge er seine Beine auf den Boden stellt. Weil er sonst nur noch dauernd auf der Schnauze landet.

(Falls Tausendfüssler etwas haben, das man als Schnauze bezeichnen kann.)

Hat die Auster notiert, wann das Sandkorn angespült wurde, aus dem sie Jahre später eine Perle machte?

Weiss der Hund, in welcher Sekunde ihn der Floh gebissen hat?

Können Sie haargenau sagen, wo Sie sich Ihren Schnupfen eingefangen haben?

Wir wissen es nicht.

Deshalb, bitte, bitte, bitte: Wenn Sie zu einer Lesung kommen und Ihnen jemand das Mikrofon für die Fragen aus dem Publikum reicht, fragen Sie mich nicht, wo ich meine Ideen her habe. Ich schreie so ungern. Und würgen macht mir schon gar keinen Spass.

(Anmerkung der Redaktion: Das war wieder eine lustige Glosse, Herr Lewinsky. Wo nehmen Sie bloß die Ideen her?)

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 26. April 2015,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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