Glosse des Monats April 2013

…unbearbeitet, eine rohe Tonmasse, voller Kehricht, mit Baugerüsten, herumliegendem Werkzeug und allerlei Gerümpel.
Iwan Gontscharow über einen unfertigen Text


Wer zum Teufel hat wieder diese Adjektive herumliegen lassen? Muss denn ums Verrecken der nächste Unfall passieren? Erst letzte Woche ist einer über ein vergessenes „nachhaltig“ gestolpert und hat sich die Grammatik gebrochen. Und die Versicherung hat sich geweigert, auch nur einen Rappen zu bezahlen. Weil „nachhaltig“ überhaupt kein Wort sei, sondern nur ein modisches Klischee.

Und wenn ihr dabei seid: Räumt auch gleich den Haufen mit den „und“ weg, gopfertellisiech! Wofür hängen denn überall diese Plakate? „Zuviel und ist ungesund!“ Merkt euch das endlich! Sonst hol ich mir meine nächsten Schreiber aus einem Billiglohnland! So ein Trupp Inder schraubt euch eine Trilogie im Akkord zusammen, da könnt ihr dann sehen, wo ihr bleibt!

Wie bitte? Was hast du? Einen Bachelor in „Creative Writing“? Jöö! Bist du nicht der Typ, der gestern einen Nebensatz ohne Sicherheitsabsperrung hat in der Luft hängen lassen? Und dann behauptet, das sei kein Fehler sondern Stil? Nicht nur, dass das lebensgefährlich war – die ganze Baustelle ist stillgestanden, wegen diesem Seich! Weil alle auf das Verb gewartet haben, das du vergessen hast. Wir machen hier nicht Kunst, merk dir das, wir machen einen Roman! Meinst du, der Generalunternehmer will den Erscheinungstermin verschieben, bloß weil der Herr Bachelor jedes Mal erst ein Synonym suchen muss, bevor er ein Substantiv festschraubt?

Und wer, huerecheibeschiissdräck, hat diese beiden Kapitel aneinander montiert! Ja, die beiden, mit dem Zeitsprung dazwischen, so gross dass sich jeder Leser das Kontinuum verrenkt! Soll sich melden, der Dilettant! Natürlich, jetzt will es wieder keiner gewesen sein! Aber „Ghost­writer“ kommt von “Geist“, nicht von „Pfusch“, merkt euch das endlich!

Also, Leute, nehmt euch ein bisschen zusammen! Sonst muss ich dann andere Seiten aufziehen!

Ihr seid ja wirklich die letzten Säcke! Nicht einer hat gemerkt, dass das soeben ein brillantes Wortspiel war! Seiten statt Saiten. Von wegen Bücher.

Aber so was kriegt ihr ja überhaupt nicht mit! Sucht euch doch einen Hilfsarbeiterjob bei einem Ärzteroman! Für die echte Literatur seid ihr alle überhaupt nicht zu gebrauchen!

Und es soll mal sofort einer die viel zu vielen Ausrufezeichen wegräumen, die in diesem Text herumliegen! Ich weiss auch nicht, wo die alle herkommen.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 28. April 2013,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

Glossen Archiv


Letzte Aktualisierung: September 2010
© Copyright 2006 Charles Lewinsky, alle Rechte vorbehalten.