Glosse des Monats April 2012

Wenn wir alt werden, so beginnen wir zu disputieren, wollen klug sein, und doch sind wir die größten Narren.
Martin Luther


Man müsste, vielleicht von Pro Litteris und Pro Senectute gemeinsam organisiert, einen Dienst zur Betreuung alternder Dichter einrichten, die unter dem Verblassen ihres Ruhms leiden und es schlecht ertragen, nicht mehr im Zentrum des Weltinteresses zu stehen. Das Bedürfnis nach einem solchen Pflegedienst steht ausser Frage, denn der allmähliche Bedeutungsverlust gehört (vor allem bei Nobelpreisträgern) zu den schmerz­haftesten literarischen Altersbeschwerden und wird von den Betroffenen noch unangenehmer empfunden als Zahnausfall und Rheuma.

Aber auch für die Mitmenschen kann dieses geriatrische Problem sehr negative Auswirkungen haben. Die davon Befallenen neigen nämlich zu Rechthaberei, Logorrhoe und unkontrolliertem Verfassen von Leserbriefen, die von ihnen in besonders akuten Fällen als Gedichte wahrgenommen werden.

Die Betreuung, als eine Art Literaten-Spitex organisiert, müsste sich bei ihren regelmässigen Besuchen in der Dichterklause darauf konzentrieren, dem in die Jahre gekommenen Schriftsteller das Gefühl zu geben, er sei keineswegs vergessen, und seine einst erfolgreichen Werke, auch wenn deren Erscheinungsdatum Jahrzehnte zurück liegt, würden in den Feuilletonspalten der Zeitungen und den Literaturseminaren der Universitäten nach wie vor täglich diskutiert. Es bestehe also, dies die subtil zu ver­mittelnde Botschaft, keinerlei Notwendigkeit, sich durch unbedachte neue Publikationen selber ins Scheinwerferlicht drängen zu wollen.

In besonders schweren Fällen, da wo die Gefahr besteht, dass der alte Dichter sein eigenes Image durch zwanghaftes Leserbrief-Schreiben nachhaltig beschädigt, dürften die Betreuer auch zu kleinen Tricks greifen: So könnten sie sich etwa als Journalisten ausgeben, die zu aktuellen politischen Fragen nach einem Statement des verehrten Meisters gieren, oder als Verehrerinnen, die für ein Autogramm alles, aber auch wirklich alles zu tun bereit sind.

Was eben im Interesse des von Geltungssucht befallenen Greises notwendig ist, um ihn vom Verfassen sogenannter Gedichte abzuhalten.

PS: Mit Günter Grass und seiner Stellungnahme zum iranisch-israelischen Konflikt hat dieser Vorschlag natürlich nichts zu tun.

Überhaupt nichts.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 29.April 2012,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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