Glosse des Monats März

Das Verlegen von Büchern wäre so viel einfacher ohne die Autoren.
Dan Brown


Wahrlich, ich sage euch: Der Tag wird kommen, an dem alle Bücher dieser Welt nur noch von Computern verfasst werden. Der Verleger wird gemütlich an seinem Schreibtisch sitzen und das gewünschte Genre, das angestrebte Zielpublikum und noch ein paar andere Parameter einprogrammieren (vor allem das Budget, das er für Werbemaßnahmen auszugeben bereit ist), und dann wird er ein Icon auf dem Bildschirm anklicken und zufrieden mit der geleisteten Arbeit in die Betriebs­kantine schlendern. Wo ihn schon sein Latte Macchiato erwarten wird, von einem anderen Computer exakt nach seinen persönlichen Vorlieben gebraut.

Genüsslich seinen Kaffee schlürfend und an einem nach seinen diätetischen Vorgaben frischgebackenen Keks knabbernd, wird er mit einem Kollegen über die Krise des Buchgeschäfts philosophieren, denn das wird sich als Einziges nicht verändert haben: Das Buchgeschäft wird auch in hundert Jahren in derselben Krise sein, über die die Verleger schon vor hundert Jahren gejammert haben.

Zurück in seinem Büro wird er das fertige Buch vorfinden, nicht nur geschrieben, sondern auch schon gedruckt, und dann wird er seinen Füller mit der roten Tinte in die Hand nehmen und das tun, was Verleger schon immer am liebsten getan haben: Er wird den Titel des Buches abändern.

(Schon der Verleger Johann Friedrich Cotta, so geht die Sage, soll Goethe den Vorschlag gemacht haben, seine „Italienische Reise“ doch lieber unter dem Titel „Amore und Spaghetti“ auf den Markt zu bringen.)

Dann wird der Verleger einen allerletzten Mausklick auf das Icon „Publizieren“ tun, und damit wird seine Arbeit erledigt sein. Nur der Tisch im besten Frankfurter Lokal, wo er während der Buchmesse auf den neusten Bestseller anstoßen will, bleibt noch zu bestellen, aber auch das besorgt das System selbsttätig.

Und wenn sie dann in Frankfurt zusammensitzen, satt vom Kaviar und voll vom Champagner, wird ein längst in den Ruhestand geschickter und nur noch gnadenhalber eingeladener Altverleger sein Glas heben, und sagen: „Trinken wir darauf, dass wir keine Autoren mehr brauchen!“

Und die andern in der Runde werden ihn verwundert ansehen und fragen: „Autoren – was ist das?“

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 25. März 2018,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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