Glosse des Monats März

Gegenüber einem jüngeren Menschen kann man sich unsicher fühlen. Wie wollen wir denn heute wissen, ob er uns nicht in Zukunft übertreffen wird? Ist jedoch jemand inzwischen vierzig, fünfzig Jahre alt geworden und hat sich immer noch keinen Namen gemacht, dann braucht man vor ihm keine Scheu zu haben.
Konfuzius


Manchmal schreibt jemand sein allererstes Buch, und man denkt beim Lesen die ganze Zeit: Das kann doch nicht wirklich ein Erstlingswerk sein. Dazu schreibt der Mann viel zu perfekt. Zu souverän. Zu selbstsicher.

„Die Leiden des jungen Werthers“ (damals noch mit Genetiv-S) war so ein Erstlingsroman. Wahrscheinlich betraf die Selbstmordwelle, die das Buch ausgelöst haben soll, lauter Möchtegern-Autoren, die den Vergleich mit ihren eigenen bescheidenen Talenten nicht ertrugen.

Oder die „Buddenbrooks“. Ein gerade mal Sechsundzwanzigjähriger bringt sein erstes Buch heraus, und schon schreibt Rainer Maria Rilke in einer Besprechung: „Man wird sich diesen Namen unbedingt notieren müssen.“

Manchmal sind solche Erstlingsautoren nicht nur unverschämt gut, sondern auch unverschämt jung. Der Débutroman von Benjamin Lebert - Millionenauflage, in mehr als dreissig Sprachen übersetzt ‒ erschien, als der Autor noch nicht einmal den Autoführerschein machen durfte. Kein Wunder heisst der Titel „Crazy“.

Im Normalfall allerdings verläuft der Entwicklungsweg eines Schriftstellers weniger steil. Das erste Buch ist meistens noch mit unverdauten Empfindungen überladen, beim zweiten scheint vielen Autoren bereits der Stoff auszugehen, und erst mit dem dritten oder vierten entwickelt sich die handwerkliche Sicherheit, die zum Schreiben eben auch gehört.

Ausser bei jenen Glückskindern, die das alles nicht nötig zu haben scheinen.

Gerade habe ich wieder so ein Buch gelesen. Sein Verfasser ist zwar kein Teenager mehr, aber doch erst gerade so alt wie mein Sohn, und er versichert glaubhaft, dies sei tatsächlich ein Erstlingswerk. Dabei hat er die Stilsicherheit eines erfahrenen Schreibers, spürt mit professioneller Präzision, wann seine Geschichte einen Szenenwechsel braucht, und weiss Pointen zu setzen, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt.

Entweder hat dieser Autor schon ein halbes Dutzend Romane unter Pseudonym verfasst, oder die Muse hat sich einfach in ihn verliebt. Wenn er nicht so sympathisch wäre, würde ich neidisch auf ihn werden.

Ach ja: Er heisst Emanuel Bergmann und sein Buch „Der Trick“. Sie sollten es lesen.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 27. März 2016,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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