Glosse des Monats März

Was Ihnen fehlt, um ein wirklicher Dichter zu werden, ist das Erlebnis! Erleben Sie etwas!
August Wilhelm von Schlegel


Hatte Schlegel recht? Sind es wirklich die eigenen Erlebnisse, die einen zum Dichter machen? Oder stimmt doch eher der Satz aus Patrick Süskinds Drehbuch zu „Rossini“? Dort ruft ein Autor, den seine Angebetete endlich erhören will, abwehrend aus: „Ich will nichts erleben! Ich bin Schriftsteller!“

Im Fall des Autors, an den Schlegel seine Worte richtete, hat der gutgemeinte Ratschlag auf jeden Fall nicht funktioniert. Der Adressat war ein gewisser Heinrich Wilhelm Stieglitz, der sich zum Dichter berufen fühlte, obwohl ihm zu diesem Beruf zwei wichtige Voraussetzungen fehlten: Er hatte erstens kein Talent und zweitens keine Einfälle. Was ihn selbstverständlich – es wäre auch das erste Mal in der Literaturgeschichte gewesen – nicht daran hinderte, ein Buch nach dem andern zu verfassen.

Es war damals die große Zeit der Romantik und so fühlte sich Stieglitz‘ Frau Charlotte, die ihren Mann über alles liebte, dazu berufen, ihm jenes Erlebnis zu verschaffen, das ihm so offensichtlich zum dichterischen Durchbruch fehlte: Sie brachte sich selber um. „Wir haben einander geliebt; so wird der Schmerz über meinen Tod Dich zum Dichter machen“, steht in ihrem Abschiedsbrief.

Es hat nicht funktioniert. Stieglitz wurde auch als Witwer nicht kreativer, und seine Werke verstauben heute zu Recht in den Bibliotheken.

Nein, weder Tragödien noch Abenteuer machen einen zum Dichter. (Auch wenn Hemingway das sicher heftig bestritten hätte.) Wenn es so wäre, müsste Felix Baumgartner, der aus neununddreissig Kilometer Höhe mit einem Fallschirm zur Erde sprang, schon lang alle Literaturpreise dieser Welt abgeräumt haben. Und an den eisigen Abhängen des Mount Everest würden sich die Bestsellerautoren gegenseitig auf die Füße treten. Wenn wirklich Erlebnisse den Dichter machten, dürfte nicht der Nobelpreis die höchste literarische Auszeichnung sein, sondern eine Trophäe von Red Bull. Samt Gratislieferung des modischen Zuckerwassers bis zum Lebensende.

Ich meine: Umgekehrt wird ein Schuh draus. Nicht das Erleben macht den Dichter, sondern es ist die Weltsicht und Sprachmächtigkeit des Dichters, der aus Geschehnissen – seien sie nun alltäglich oder ungewöhnlich – jene Erlebnisse macht, deren Beschreibung wegen wir an keiner Buchhandlung vorbei gehen können. Wo wir dann nicht die Bücher von Heinrich Wilhelm Stieglitz kaufen.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 30. März 2014,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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