Glosse des Monats März 2013

Für das Schreiben eines Romans gibt es drei Regeln. Leider kennt sie niemand.
W. Somerset Maugham


In den Kursen, in denen man das Schreiben lernt… Nein: In den Kursen, für die sich die Leute anmelden, weil sie meinen, sie würden dort zu Schriftstellern gemacht, bekommt man auf die Frage nach der Motivation der Studenten von manchen die Antwort: „Ich will hier lernen, wie man schreibt, und wenn ich es dann gelernt habe, werde ich schreiben.“ Und man weiss: So sehr sie sich auch anstrengen, so viele Handbücher der Romankonstruktion sie auch studieren – das sind keine richtigen Schreiber. Sie könnten mit einem anderen Hobby bestimmt glücklicher werden. Den Eiffelturm aus Streichhölzern zusammenkleben, zum Beispiel. Das soll sehr vergnüglich sein, höre ich.

Bei den richtigen Schreibern kommt man meist gar nicht dazu, die Frage zu stellen. Weil sie einen schon unter der Tür abfangen und einem erklären, sie hätten da, ganz zufällig, ein eigenes Manuskript in der Tasche, und ob man nicht so nett sein wolle, das bis morgen mal durchzulesen. Es seien auch nur bescheidene fünfhundert Seiten.

Man weiss dann noch nicht, ob aus diesem Mann mal ein guter Autor oder aus dieser Frau mal eine gute Schriftstellerin werden kann, aber man weiss: Die sind am richtigen Ort. Denn in diesem Gewerbe gilt nur eine einzige Definition.

Ich bitte um Verzeihung, wenn ich sie auf Englisch hinschreibe, aber so perfekt kann man es auf Deutsch nicht formulieren: A writer is someone who writes. Punkt, aus, Ende der Durchsage. Alles andere ist Kommentar und Fussnote.

Ich weiss nicht, ob es an den Genen liegt, ob irgendwann eine Muse ins Kinderzimmer geflattert kommt und dem zum Schriftsteller bestimmten Säugling einen Kuss appliziert, oder ob ein Virus die Schuld trägt. Ich weiss nur, dass ich noch nie einen Schreiber getroffen habe, der nicht bei jeder Gelegenheit geschrieben hat. Oder, wenn er gerade unter Schreibstau litt oder von der Angst vor dem leeren Bildschirm geschüttelt wurde, zumindest wusste, dass er eigentlich hätte schreiben sollen.

Wer nicht von diesem Virus befallen ist, bei wem das Kinderzimmerfenster keine Musenklappe hatte, wer nicht unter diesem seltsamen Gendefekt leidet, dem können auch hundert Semester Creative Writing nicht weiterhelfen.

Um noch einmal Somerset Maugham zu zitieren: „Wir schreiben nicht, weil wir wollen. Wir schreiben, weil wir müssen.“

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 31. März 2013,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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