Glosse des Monats März 2012

Ein Schriftsteller, der nicht mit dem Bus fährt, weiss nicht mehr, wie die Leute reden.
Harold Pinter


Es gibt zwei Gruppen von Menschen, die neue Worte entwickeln. Einerseits besonders gescheite – oder sich besonders gescheit fühlende – Akademiker, die felsenfest davon überzeugt sind, ihre Gedanken seien auf so einmalige Weise bedeutungsvoll, dass das bestehende Vokabular nicht ausreiche, um sie wirklich exakt auszudrücken. Was dann meistens nur, wie Kurt Tucholsky das schon vor achtzig Jahren in der „Weltbühne“ formulierte, zum „Missbrauch einer zu diesem Zweck erfundenen Terminologie“ führt.

Die anderen Worterfinder sind junge Leute. Für sie ist Sprache ganz selbstverständlich etwas Plastisches, das man jederzeit nach Lust und Laune spielerisch verändern kann.

(Natürlich betätigen sich auch Werbeleute gern sprach­schöpferisch. Aber das bestätigt meine These nur. Werber vereinen die beiden Gruppen in sich. Sie sind kindliche Wesen, die sich und ihren Kunden einreden, sie betrieben eine exakte Wissenschaft.)

Nein, die wahren Spracherfinder sind Teen­ager. Ob ein Wort im Duden steht, oder eine grammatikalische Konstruktion von irgendwelchen beamteten Oberlehrern als korrekt anerkannt wird, das ist ihnen total…

Total was? Ich habe keine Ahnung, welches Synonym man in dieser Generation gerade für „egal, gleichgültig, am Arsch vorbei gehend“ benutzt. Ich weiss nur: Bis ein Wort bis zu mir altem Sack durchgedrun­gen ist (und das Altsacktum, so scheint mir, beginnt immer früher), ist es bei seinen Erfindern bestimmt schon längst wieder aus der Mode gekommen.

Es gibt ein paar wenige Autoren, die über das beneidenswerte absolute Gehör für aktuelle Sprachformen verfügen. Die sich einfach in den Bus setzen und beim Belauschen fremder Handy-Plaudereien die Sprache der Gegenwart akzentfrei erlernen können. Die meisten von uns sind für alle Zeiten in der Formulierungsweise gefangen, die wir in der eigenen Jugend gebraucht oder selber erfunden haben. Wenn wir versuchen, so zu reden, wie wir es naiver Weise für heutig halten, ernten wir zu Recht nur mitleidige Blicke.

Eigentlich ist das ja auch kein Problem. Ausser wenn wir in unseren Texten versuchen, die Sprache junger Menschen nachzuahmen. Dann machen wir uns rettungslos lächerlich.

Oder, wie die Teenager in diesem Jahr statt „lächerlich“ sagen…

Ich muss zugeben: Ich habe keine Ahnung, wie sie es sagen.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 25. März 2012,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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