Glosse des Monats Februar

Schriftsteller bauen Luftschlösser, Leser wohnen darin, und Verleger ziehen die Miete ein.
Maxim Gorki


Sehr geehrter Herr Lewinsky,

Nachdem zu wiederholtem Mal Beschwerden über Sie bei der Buchverwaltung eingetroffen sind, sehen wir uns veranlasst, Sie an einige Be­stimmungen der Leseordnung zu erinnern. Wir möchten Sie bitten, sich in Zukunft streng an diese Regeln zu halten, widrigenfalls wir uns gezwungen sehen würden, das zwischen uns abgeschlossene Lektüreverhältnis ausserterminlich zu beenden.

Sie sind mehrmals dabei beobachtet worden, wie Sie über Stellen gelacht haben, die ausser Ihnen niemand lustig gefunden hat. Im Interesse einer einvernehmlichen und gutnachbarlichen Lesegemeinschaft müssen wir Sie bitten, solche Heiterkeitsausbrüche in Zukunft zu unterlassen. Sie irritieren damit die anderen Nutzer des Buches, die dann vergeblich versuchen herauszufinden, was denn hier so komisch sein könnte.

(Alle unsere Bücher entsprechen den Regelungen der Arbeitsgemeinschaft für Normalhumor.)

Das Überblättern von Seiten verletzt die Gefühlswelt des Autors und könnte dazu führen, dass er im schlimmsten Fall Schmerzensgeld in der Form höherer Tantiemen von uns fordert. Sie werden sicher einsehen, dass eine bessere Bezahlung von Autoren sämtlichen seit Jahrhunderten eingeführten Geschäftsprinzipien eines Buchverlages widersprechen würde.

Das Anbringen von schriftlichen Anmerkungen am Rand der Seiten ist zwar prinzipiell zulässig, wir möchten sie aber aus gegebenem Anlass daran erinnern, dass solche Randbemerkungen nur mit Bleistift vorgenommen werden dürfen und bei Beendigung des Leseverhältnisses besenrein zu entfernen sind.

Ferner sehen wir uns gezwungen, Sie noch einmal mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass eine vorzeitige Beendigung des Lektürevorgangs vertragswidrig ist. Gemäß Leseordnung ist eine Unterbrechung von maximal zehn Tagen zulässig, danach muss das Werk zu Ende gelesen werden.

In diesem Zusammenhang müssen wir Sie auch bitten, im Interesse einer gedeihlichen Zusammenarbeit auf Ausrufe wie „Scheißbuch“ und „So ein Schrott“ in Zukunft zu verzichten. Bewertungen dieser Art bedürfen der Mitgliedschaft im Panel des „Literaturclubs“.

Und den Waschzettelschlüssel haben Sie auch nicht pünktlich weitergegeben.

Hochachtungsvoll

die Buchverwaltung

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 25. Februar 2018,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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