Glosse des Monats Februar

Ein Fremdwort ist wie ein unscharfes Foto.
Heinrich Waggerl


Als ich vor fast fünfzig Jahren, mitten in den Aufregungen der Achtundsechziger-Jahre, in Berlin studierte, begrüsste uns ein Professor einmal mit diesem schönen Satz: „Die Präparation dieses Seminars war arbeitsökonomisch nicht realisierbar.“

Er hätte auch einfach sagen können: „Ich habe mich nicht vorbereitet“ – aber das wäre ihm wohl zu unwissenschaftlich vorgekommen.

Diese Methode, Einfaches bewusst kompliziert zu sagen, um damit eine nicht vorhandene Gedankentiefe vorzutäuschen, war damals gerade die aktuelle Sprachmode, aber die Unsitte hatte eine alte Tradition. Schon der Meisterspötter Karl Kraus machte sich immer mal wieder einen Spass daraus, besonders gedrechselte und mit Klugscheisser-Formulierun­gen aufgemotzte Sätze in die Alltagssprache zurückzuübersetzen. So hatte er in einem Zeitungsartikel einmal diese überdrehte Formulierung gefunden: „Im Hagestolzenheim, das dem Tarifeden einer Luxusdirne ähnelt, neben dem breiten Himmelbett das neuste Buch des just in die Mode gelotsten Sexual­myst­a­go­gen haben“. Karl Kraus übersetzte das in ein schlichtes: „In seiner eleganten Junggesellenwohnung sich auch geistig beschäftigen.“ Und versäumte nicht, den Leser hilfreich darauf hinzuweisen, dass mit „Tarifeden“ wohl ein „Tarif-Eden“ gemeint sei.

Diese Art von sprachlicher Hochstapelei ist auch heute keineswegs ausgestorben. Vor kurzem las ich in einer Tageszeitung – nicht in einem wissenschaftlichen Artikel, wo Fremdworte und Neologismen gewissermassen der Geheimcode für Insider sind – in einer auch sonst mit ähnlichen Formulierungen gespickten Kolumne diesen schönen Satz: „Kreativität wird vom selbst optimierenden Subjekt der digitalen Spätmoderne als Ressource begriffen, als Mittel zum Zweck.“ Ich brauchte einige Zeit, bis ich mich aus der Deckung herauswagte, in die ich mich vor diesem Fremd­wort­bombarde­ment geflüchtet hatte, und begriff, dass der Autor hier seine eigene Arbeitsweise beschrieb: Ein krampfhaft kreativer Umgang mit der Sprache als Mittel zum Zweck, die eigene Gedankentiefe zu beweisen. So wie der Kunde eines teuren Modelabels dessen Firmenzeichen zur Schau trägt, damit niemand an seinem exklusiven Geschmack zweifelt.

Nein, Herr Waggerl, ein Fremdwort ist nicht immer ein unscharfes Foto. Manchmal ist es das ex­trem scharfe Porträt des Hochstaplers, der es verwendet.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 26. Februar 2017,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

Glossen Archiv


Letzte Aktualisierung: September 2010
© Copyright 2006 Charles Lewinsky, alle Rechte vorbehalten.