Glosse des Monats Februar

Sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird.
Woody Allen


Viele Buchhandlungen klagen über schrumpfende Umsätze und führen das auf die Aufhebung der Buchpreisbindung zurück. Aber die bedauerliche Tatsache, dass nicht jeden Tag tausende von Kauflustigen die Buchläden stürmen, liegt sicher ebenso daran, dass die literarische Branche die Werbung sträflich vernachlässigt. Es soll ja tatsächlich Buchhändler geben, die meinen, eine intelligente Buchauswahl und fachkundige Beratung reichten aus, um Kunden anzuziehen. Das mag zu Goethes Zeiten so gewesen sein. Aber doch nicht mehr heutzutage!

Welche Automarke würde auch nur einen Wagen verkaufen, wenn sich am Autosalon nicht spärlich bekleidete Models auf den Kühlerhauben räkelten? Wie käme ein neues Glacé in den Markt, wenn es nicht auf einem Plakat von einer hübschen jungen Dame so lasziv zum Mund geführt würde, als sei die Abbildung einem Lehrbuch für Oralverkehr entnommen? Welche Zeitschriftentitel garantieren die höchsten Auflagen? Eben.

Sie verstehen, worauf ich hinaus will: Sex sells. Es kann doch wirklich nicht so schwer sein, liebe Buchhändler, dieses Prinzip auch in Ihrer Branche umzusetzen. Ein Anfang liesse sich schon einmal damit machen, dass man die Buchtitel ein bisschen attraktiver gestaltet – eben so, wie es zu unserer sexualisierten Gesellschaft passt. Ich hätte da ein paar bescheidene Vorschläge:
Wie wär’s mit einem Reclamband mit dem Titel „Die geschändete Jungfrau“, aus dem der Leser dann erfährt, was der sexsüchtige Doktor Faust mit dem unschuldigen Gretchen so alles anstellt? Und würde sich „Gullivers Reisen“ nicht zehnmal besser verkaufen, wenn der Titel lautete: „Der Mann, der den Grössten hatte“? Ganz zu schweigen vom Verkaufsschlager „In den Betten von Davos“, was doch einfach viel verkaufsträchtiger klingt als…

Genau, dieses Buch meine ich. Wirklich schade, dass Thomas Mann da nicht drauf gekommen ist.
Ja, selbst ein Ladenhüter wie eine tausend Seiten lange Biografie von Pfarrer Kneipp würde durch eine kleine Titeländerung sofort zum Renner. Man müsste das Buch einfach „Feuchte Träume“ nennen. Und wenn sich die Verlage querstellen sollten, dann bleibt wohl nichts anderes übrig, als sich doch den Automobilsalon zum Vorbild zu nehmen und das Outfit der Verkäuferinnen ein bisschen zu modernisieren. Liebe Buchhändlerinnen, ihr werdet doch wohl noch ein Bikini im Schrank haben?

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 28. Februar 2016,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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