Glosse des Monats Februar

Noch kein Glücklicher hat je ein gutes Buch geschrieben.
Arno Schmidt


Ich habe noch nie ein gutes Buch geschrieben. Nur Schrott und Plunder habe ich produziert, ungeeignet für anständige Bücherregale, bestenfalls für die Papierabfuhr bestimmt. Manchmal, ich kann mir den Grund auch nicht erklären, sind Leser und Kritiker auf das sprachliche Blendwerk hereingefallen, das ich mit der Tastatur meines Computers zu produzieren pflege, aber wirklich gut waren die Bücher nicht. Sie konnten es gar nicht sein.

Denn (empfindsame Gemüter mögen bitte weghören und die nächsten Zeilen überspringen) denn ich bin eigentlich ein ganz glücklicher Mensch. Seit fast einem halben Jahrhundert bin ich mit derselben Frau zusammen, und es passiert mir immer noch, dass mein Herz bei ihrem Anblick ins verliebte Wum­mern gerät. Ich habe zwei wunderbare Kinder, auf die ich furchtbar stolz wäre, wenn ich nicht wüsste, dass ihre Leistungen ihr eigenes Werk sind, zu dem ich selber nur sehr wenig beitragen konnte. Und die nächste Generation lässt sich auch sehr vielversprechend an.

Ausserdem, und ich weiss, dass man das eigentlich nicht zugeben sollte, wenn man ein ernstzunehmender Künstler sein will, ausserdem (empfindsame Leser bitte schon wieder weghören und erst später weiterlesen), ausserdem macht mir mein Beruf Spass. Ich schreibe gern und würde es wohl auch tun, wenn mich nie­mand dafür bezahlte. Umso erfreulicher, dass mir mein Verleger jedes Jahr eine Abrechnung schickt, die mir nicht nur das tägliche Brot finanziert, sondern auch noch die Butter oben­drauf. Und ab und zu ein Scheibchen Lachs.

Wenn man schon mal am Beichten ist, soll man es gründlich tun. Also streue ich hiermit Asche auf mein Haupt und gestehe: Wenn ich mich jeden Morgen pünktlich um neun Uhr an meinen Computer setze (genauer gesagt: um zehn vor neun, denn das Kreuz­wort­rätsel aus der Washington Post will noch vor Arbeitsbeginn gelöst sein), dann fühle ich mich keineswegs als Galeerensklave, den die Peitschenhiebe eines sadistischen Aufsehers ans Ruder zwingen, sondern freue mich auf die Überraschungen, die mir das Schreiben immer wieder neu beschert.

Selbst wenn die AutorInnnen der Schweiz mich für diese Tatsache aus ihren Reihen ausschliessen: Ich leide noch nicht einmal an Depressionen.

Und darum habe ich eben noch nie ein gutes Buch geschrieben.

Aber vielleicht irrt sich Arno Schmidt ja auch.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 22. Februar 2015,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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