Glosse des Monats Februar 2014

Wir finden nur die verständig, die unserer Meinung sind.
François de La Rochefoucauld


Was Kritiken anbelangt, sind wir Autoren keine anspruchsvollen Leute. Ganz und gar nicht. Mit ein paar simplen, sachbezogenen Adjektiven wie „epochal“, „genial“ oder „einmalig“ sind wir schon zufrieden. Auch Formulierungen wie „unvergängliches Meisterwerk“ oder „ein Muss für jeden wahren Literaturkenner“ werden gern genommen. Und wenn dann noch ein paar Vergleiche mit Balzac oder Heine darüber gestreut werden, ziehen wir uns mit der Kritik ganz bescheiden in unsere spartanische Dichterklause zurück und können uns einen ganzen Winter lang davon ernähren. Wobei wir höchstens noch überlegen, ob es statt „Heine“ nicht doch besser hätte „Goethe“ heissen müssen. (Oder „Shakespeare“. Wir sind da nicht so.)

Aber leider gibt es auch unprofessionelle Rezensenten. Künstlerisch unbedarfte Schreiberlinge, die mit dem hohen geistigen Anspruch unserer Texte überfordert sind. Die beim Versuch, dem Höhenflug unserer Gedanken zu folgen, abstürzen sind wie einst Ikarus. Die nicht davor zurückschrecken in ihren Rezensionen so unanständige und politisch unkorrekte Worte wie „unnötige Längen“ oder „abgestandene Metaphern“ zu verwenden. Und dadurch potentielle Bücherkäufer abschrecken und um ihren Genuss bringen.

Natürlich lesen wir Autoren (genau wie Schauspieler) eigentlich überhaupt keine Kritiken. Da stehen wir drüber. Aber es kommt doch ab und zu, ganz ungewollt und zufällig, vor, dass uns so ein journalistisches Machwerk auf den Schreibtisch flattert. Und wir dann irritiert feststellen müssen, dass darin selbst die selbstverständlichsten Epitheta ornantia wie „fesselnd“ oder „unvergleichlich“ einfach fehlen.

Nicht dass uns das persönlich etwas ausmachen würde. Uns doch nicht. Wir Autoren sind, wie gesagt, in diesem Punkt überhaupt nicht anspruchsvoll. Ganz und gar nicht. Aber eine Zeitung hat doch – insbesondere im Feuilleton – auch eine Verpflichtung gegenüber ihren Lesern, und die haben einen Anspruch darauf, korrekt informiert zu werden. Und da unsere Werke nun mal allesamt musengeküsste Höhepunkte der Weltliteratur sind…

Ein Vorschlag zur Güte: Man sollte Autoren ihre eigenen Rezensionen schreiben lassen. Schliesslich kennen wir unsere Bücher am besten. Und wären deshalb in der Lage, sie vorurteilsfrei und sachlich als das zu beschreiben, was sie nun mal sind: Lauter unsterbliche Meisterwerke. Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 23. Februar 2014,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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