Glosse des Monats Februar 2013

Ich war schon als kleiner Junge ein Lügner. Das kam vom Lesen.
Isaak Babel


„Alle Autoren sind Lügner“, sagt ein chinesisches Sprichwort. (Und fügt, gegen alle fernöstliche Höflichkeit hinzu: „Alle Leser sind Idioten, weil sie die Lügen glauben.“) Der Satz hat was. (Nur der erste Teil natürlich.) Ein Buch zu schreiben ist eine der wenigen gesellschaftlich akzeptierten Arten, die Unwahrheit zu sagen.

Zugegeben, es gibt auch andere Berufe, bei denen der ökonomische Umgang mit der Wahrheit zum professionellen Alltag gehört. Politiker, zum Beispiel, oder Werbeleute. Aber die dürfen den mangelnden Wirklichkeitsbezug ihrer Aussagen nicht offen zugeben, sondern müssen im Brustton der Überzeugung behaupten, immer nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen. Weil sie sonst nämlich Gefahr laufen, ihr Amt zu verlieren. Oder, noch viel schlimmer, ihren Account.

Wir Schreiberlinge hingegen… Wir dürfen von Heldentaten erzählen, die nie stattgefunden haben, dürfen uns Liebesgeschichten mit bonbonrosafarbigen Happyends ausdenken, dürfen unsere Protagonisten Schlachten schlagen lassen, in denen wir ganz allein über Sieger und Verlierer entscheiden. Wir dürfen alles. Manchmal bekommen wir sogar Preise dafür.

Und der Leser, dieser nette Mensch, ist stets bereit, uns unsere Lügen zu glauben. Nicht etwa, weil er ein Idiot ist – Schande über den unhöflichen chinesischen Sprichwort­erfinder! –, sondern weil er weiss, dass die sonst so gut bewachte Grenze zwischen Wahrheit und Erfindung in einem Buch durchlässig wird. Und weil die literarische Lüge manchmal viel wahrer sein kann als die Wirklichkeit, die sie zu beschreiben vorgibt.

Einmal, ich erinnere mich gern daran, ist mir so ein perfektes Täuschungsmanöver gelungen. Als ein Kritiker „Melnitz“ rezensierte und meinte, manche der Figuren, die darin vorkämen, müssten wohl ein reales Vorbild haben. Weil man nämlich, schrieb er, so lebendige Charaktere nicht erfinden könne. Für den schreibenden Berufslügner ist so eine Bemerkung schon fast der Münch­­hausen-Pokal.

Ja, wir dürfen rund um die Uhr nach Herzenslust lügen und schummeln. Und nur schon deshalb ist das Schreiberleben auch immer ein reines Vergnügen und hat mit wirklicher Arbeit überhaupt nichts zu tun.

(Was eben, falls Sie es nicht gemerkt haben sollten, auch schon wieder gelogen war.)

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 24.Februar 2013,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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