Glosse des Monats Januar

Die, die unten sind, wollen nach oben, die, die oben sind, wollen oben bleiben, und so oder so endet es immer damit, dass man sich ins Gesicht spuckt oder tritt.
Elena Ferrante


(Eine Rangliste der fünfhundert wichtigsten Intellektuellen ist zwar völliger Unsinn. Die Zeitschrift „Cicero“ hat sie trotzdem publiziert.) ‒ Herr Lewinsky, Sie sind nun also der vierhundertsiebenundfünfzigst-wichtigste Intellektuelle deutscher Sprache…

‒ Der vierhundertsechsundfünfzigste! Haben Sie nicht gesehen, wie ich Elisabeth Bronfen im Endspurt noch überholt habe?

‒ Im Gedränge vor der Ziellinie war das schwer zu erkennen.

‒ Gedränge? Was manche Kollegen da angestellt haben, war schon Rempelei. Eindeutig regelwidrig. Aber die Schiedsrichter haben ja Tomaten auf den Augen.

‒ Sie meinen: Wenn es nach den Regeln gegangen wäre, hätten sie eine bessere Platzierung erreicht?

‒ Vierhundertfünfundfünfzig, mindestens. Wenn nicht vierhundertvierundfünfzig. Aber den Platz hat sich ja Judith Schalansky ertrickst.

‒ Was sagen Sie zu Ihrem eigenen, doch recht schwachen Abschneiden?

‒ Schwach? Ich muss doch sehr bitten! Immerhin habe ich es – im Gegensatz zu einem Haufen Kollegen, die ich nicht nennen will – bis in die Liste geschafft. Nicht jeder hat in seinem Kleiderschrank ein T-Shirt mit der Aufschrift „Einer von 500“!

‒ Aber aufs Siegerpodest sind Sie nicht gekommen. Noch nicht einmal in die Nähe des Seriensiegers Martin Walser.

‒ So etwas wie Eifersucht kenne ich nicht und will deshalb auch niemand verdächtigen – aber hat mal jemand eine Urinprobe von Walser gesehen? Hä?

‒ Sie meinen … Doping?

‒ Der Mann wird dieses Jahr neunzig! Da fragt man sich schon, wie er ohne Hilfsmittel… Aber ich will nichts gesagt haben.

‒ Und Peter Sloterdijk auf dem zweiten Platz?

‒ Wie gesagt, ich gönne jedem seinen Erfolg. Aber dieser Name… Sein Vater soll ja Holländer sein. Warum wird so jemand überhaupt zugelassen?

‒ Auf dem dritten Rang ist Peter Handke.

‒ Ein lieber Kollege. Wirklich ein sehr lieber Kollege. Und an den Gerüchten, dass er beim Vordenken heimlich Wikipedia benutzt haben soll, ist bestimmt nicht dran.

‒ Sie meinen, dass Handke…?

‒ Nein, natürlich nicht. Ich sage nur: Es gibt Gerüchte. An die ich natürlich nicht glaube. Denn so etwas wie Eifersucht – das kennen wir Intellektuellen überhaupt nicht.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 29. Januar 2017,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: September 2010
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